13. November 2008, 23:26 Uhr

»Palliativmobil« war 40 000 Kilometer unterwegs

Gießen (if). Wenn Erika Cört, Krankenschwester und Medizinische Dokumentarin im Gießener »Palliativ-Team«, eine neue Nadel steckt, dann weiß Dr. Bettina Krögel, Ärztin in der Station »Virchow« sofort, wo ihr kleines schwarzes »Palliativmobil« künftig erwartet wird: Zwischen Vogelsberg, Wetterau und dem Lahn-Dill-Kreis erhofft dann ein Schwerstkranker in der letzten Lebensphase Rat und akute Hilfe.
13. November 2008, 23:26 Uhr
40 000 Kilometer im Jahr mit dem »Palliativmobil« unterwegs: Dr. Bettina Krögel. (Foto: if)

Gießen (if). Früher mag das Kämmerchen im Seitentrakt der Frauenklinik wohl als Abstellraum gedient haben: Zwei Schreibtische, zwei PCs, drei Stühle. Als Wandschmuck fungiert eine Straßenkarte Mittelhessens - gespickt mit Dutzenden bunter Nadeln im 50-Kilometer-Radius rings um die Mittelhessenmetropole. Wenn Erika Cört, Krankenschwester und Medizinische Dokumentarin im Gießener »Palliativ-Team«, eine neue Nadel steckt, weiß Dr. Bettina Krögel, Ärztin in der Station »Virchow« sofort, wo ihr kleines schwarzes »Palliativmobil« künftig erwartet wird: Zwischen Vogelsberg, Wetterau und dem Lahn-Dill-Kreis erhofft dann ein Schwerstkranker in der letzten Lebensphase Rat und akute Hilfe. Entfernt Erika Cört dagegen eine Nadel, bedeutet das: Die Hoffnung eines der rund hundert mittlerweile betreuten Patienten, ohne Schmerzen ruhig zu Hause sterben zu können, ist in Erfüllung gegangen. Zwar hegt die weitaus überwiegende Zahl aller Menschen diese Hoffnung - vielfach jedoch vergebens. Nicht selten ist das letzte, was ein Sterbender wahrnimmt, das zuckende Blaulicht eines Notarztwagens.

»Den Wunsch, auch in der letzten Phase des Lebens daheim zu bleiben, können wir neun von zehn unserer Patienten erfüllen«, berichtet Dr. Krögel. Es sind schwerstkranke Patienten, die sich für eine von ihrer Krankenkasse angebotene »Integrierte palliativmedizinische Versorgung« entschieden und dies auch bei Erika Cört, die für solche Formalien zuständig ist, durch Unterschrift bekräftigt haben. Seit Anfang dieses Jahres betreut ein Netzwerk von Kliniken, niedergelassenen Ärzten, ambulanten Pflege- und Hospizdiensten solche Kranke in Mittelhessen. Auf Initiative von Prof. Friedrich Grimminger, dem Direktor der IV. und V. Medizinischen Klinik entstanden, ist die für die Koordination zuständige Zentrale an die »Station Virchow« des Uniklinikums angekoppelt. Als Palliativ-Koordinator fungiert dabei Prof. Ulf Sibelius.

Mittlerweile hat Dr. Krögel, die von der Klinik aus normalerweise in enger Abstimmung mit Hausarzt und Pflegediensten die ambulante Betreuung der Patienten über Telefon und Hausbesuche wahrnimmt, ihren PC aktiviert. Ehe sie zu einem erbetenen Besuch in der Peripherie des Einzugsgebietes aufbricht, kontrolliert sie zusätzlich die täglich aktualisierte Liste ihrer Patienten. Der Nachtdienst, erreichbar über die 24 Stunden geschaltete »Hotline« 0641/99-41 786, hat eine Reihe von Anrufen angenommen und vermerkt, um was es ging und was veranlasst wurde. Während Erika Cört mit einer Krankenkasse verhandelt, läuft ein weiterer Anruf ein: eine alleinstehende junge Frau hat Fragen zu einer von einem niedergelassenen Kollegen durchgeführten Maßnahme. Fortführen oder einstellen? Die Kranke hat eine andere Meinung als ihr Arzt. Dr. Krögel, die das Problem aus ihrer Kenntnis aller Umstände einfühlsam bespricht, hält in einer solchen oder ähnlichen Situationen mit ihrer ganz persönlichen Auffassung nicht hinter dem Berg: Wenn die »Kurative«, die heilende Medizin, am Ende ist, ist die Stunde der Palliativ-, der lindernden Medizin gekommen. Und was bei ihr zählt, ist der Wille des Patienten und nichts anderes als der Wille des Patienten. Das gilt auch für den Fall, dass sich der Patient von den verabredeten, normalerweise zweimal wöchentlichen Anrufen aus der Palliativ-Zentrale mit Fragen zu Befinden und Wünschen genervt zeigen sollte. Man ist flexibel, vereinbart einen anderen Turnus. Wird indes ganz plötzlich außerhalb vereinbarter Telefon- oder Besuchskontakte dringend Hilfe erforderlich, quälen unstillbare Schmerzen, kommt es zu Hustenattacken, Atemnot, zu nicht beherrschbarer Unruhe: Vor der Tür steht Tag und Nacht das »Palliativmobil« - im Kofferraum des unauffälligen Kleinen alles, was dann sehr schnell und vielleicht mitten in der Nacht benötigt werden könnte. Angefangen von Medikamenten, die meist draußen kurzfristig schwer zu beschaffen sind, bis hin zu allem, was bei einer Akutintervention - beispielsweise für lindernde Pleura- oder Aszitespunktionen - erforderlich ist, also für Maßnahmen, die früher oft eine Klinikseinweisung über die Notaufnahme erzwangen.

Angeschafft worden war bekanntlich das Palliativmobil vom Förderverein »PalliativPro«. Über 40 000 Kilometer haben Dr. Krögel und ihre Kollegen mittlerweile damit zurückgelegt, um Schwerstkranken die letzte Lebensphase zu erleichtern.

Dabei hat sich erwiesen, so berichteten kürzlich Erika Cört und Dr. Krögel vor Pflegekräften aus der Region: Die Strukturen für eine leistungsfähige Palliativmedizin, die angesichts einer alternden Gesellschaft täglich mehr an Bedeutung gewinnt, sind in Mittelhessen vorhanden. Aber: »Die Kommunikation unter allen Beteiligten ist noch verbesserungsfähig«.

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