05. April 2019, 21:21 Uhr

PEGIDA-Anhänger kommen zu Wort

05. April 2019, 21:21 Uhr

Sabine Michel wurde 1971 in Dresden geboren. Die Filmemacherin war eine der ersten Studentinnen der Angewandten Theaterwissenschaften an der Liebig-Universität, die aus dem Osten nach Gießen gekommen waren. Mittlerweile hat sie sich als Drehbuchautorin und Regisseurin einen Namen gemacht. Der Osten und die Schwierigkeiten der Wiedervereinigung sind ihr Lebensthema. Für einen Dokumentarfilm über die »Ostkreuz«-Fotografin Sibylle Bergemann wurde sie 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Mit ihrem Dokumentarfilm »Montags in Dresden« über drei Dresdener PEGIDA-Anhänger aus dem Jahr 2017 war sie nun im Kinocenter zu einem Filmgespräch zu Gast.

Sie habe nach 27 Jahren weit weg von Dresden verstehen wollen, was die Menschen aus ihrer Heimatstadt auf die Straße treibt, erzählt Michel zu später Stunde im Gespräch mit Dr. Alexander Jehn, dem Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Da haben die rund 40 Zuschauer im Kinocenter zuvor ihren Dokumentarfilm gesehen. In dem lässt Michel die drei PEGIDA-Anhänger – den Hausmeister und Wendeverlierer René, Sabine, die alleinerziehende Mutter eines autistischen Jungen, und den erzkatholischen Unternehmer Daniel – zu Wort kommen: nahezu unkommentiert, ohne »manipulierende Musikuntermalung« und in Auszügen aus Interviews, die Michel im Laufe eines ganzen Jahres mit ihnen geführt hatte.

Der Film zeigt eindrücklich, dass nicht nur die Flüchtlingsthematik und Angela Merkels Devise »Wir schaffen das« die drei Dresdener bewogen hatte, bei den PEGIDA-Demonstrationen als »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mitzulaufen. Sie handeln auch aus einer tiefen Verunsicherung heraus, gespeist aus ihrer Ost-Vergangenheit, und haben sich ihr ganz eigenes Weltbild zwischen Politikerschelte und Untergangsszenarien gezimmert. Sabine hortet in ihrem Keller Vorräte für unsichere Zeiten. Daniel hat sich schon als Katholik in der DDR in seiner Außenseiterrolle eingerichtet und missbraucht heute die Religion als eine Art ideologischen Schutzwall. Und der verschuldete Jens träumt von einer rigoros direkten Demokratie und verteilt bei PEGIDA-Aufmärschen Kärtchen mit den Worten »Einigkeit«, »Recht« und »Freiheit«, weil davon seiner Meinung nach nicht mehr viel übrig geblieben sei.

Mündige Zuschauer gefordert

»Es ist kein PEGIDA-Film, der die gesamte Bewegung erklärt«, betont Michel. Ihr »künstlerischer Dokumentarfilm« zwinge die Zuschauer quasi, den drei Protagonisten zuzuhören. »Dabei vertraue ich auf mündige Zuschauer«, macht Michel deutlich und hofft, dass der Film, den sie nach den jüngsten Ereignissen in Dresden allerdings »anders machen« würde, dazu anregt, dass Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten miteinander ins Gespräch kommen.

Dass Michel die drei PEGIDA-Anhänger im Film mit ihren kruden Parolen unkommentiert zu Wort kommen lässt, hat der Dokumentarfilmerin viel Kritik eingebracht. Auch in der Diskussion im Kinocenter kam die Frage auf, ob man denn überhaupt mit den Rechten reden müsse, deren irrationale Meinungen ohnehin nicht zu erschüttern seien und mit denen jedes Gespräch von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Michel hingegen versteht ihren Film als Plädoyer für eine funktionierende Demokratie, in der man sich mit den Meinungen des anderen auseinandersetzt. Gespräche, in denen man das Gegenüber belehren wolle, seien allerdings von Anfang an zum Scheitern verurteilt, warnt sie. Viel sinnvoller sei es, vielleicht zunächst einmal auf einer anderen Ebene, mit den Rechten ins Gespräch zu kommen. »Was machen wir sonst mit denen, sperren wir 30 Prozent in den Keller?«, lautet ihre provokante Schlussfolgerung. (Foto: pm)

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