17. September 2017, 21:54 Uhr

Organisches Kontrastprogramm

17. September 2017, 21:54 Uhr
Phronesis und die HR-Bigband, hier mit Trompeter Axel Schlosser als Solist, begeistern das Publikum. (Foto: chl)

Gießen (chl). Wenn eine Musik als Soundtrack für die jüngste unstete Sommer-Wetterlage am besten herhalten könnte, dann waren es die Klanglandschaften, die Jazzfans am Freitagabend im großen Saal des Stadttheaters erleben durften. Bildhaft gesprochen sorgte die exquisite Kollaboration des britisch-skandinavischen Modern-Jazztrios Phronesis mit der HR-Bigband für ein straffes Aufbäumen und Abschwellen lyrisch milder, überraschend herniederprasselnder sowie aufbrausender Momente. Kurz: für ein sehr organisches Kontrastprogramm. Hier traf zwar eine Dreierbesetzung (Klavier, Kontrabass, Schlagzeug) auf 14 Bläser und einen Gitarristen, doch dies auf harmonische und kongenial verwobene Weise.

Dies ist dem musikalischen Leiter des Konglomerats, Julian Argüelles, zu verdanken. Zum zehnjährigen Bestehen des 2005 vom dänischen Bassisten Jasper Hoiby gegründeten Trios hatte er für gemeinsame Konzerte in Frankfurt und beim London Jazz Festival 2015 alte und neue Phronesis-Titel für das Zusammenspiel mit der Bigband orchestral arrangiert. Alle Stücke dieses Programms kamen nun auch in Gießen zu Gehör. Zwar ist das Album nach einem monströsen biblischen Fabelwesen benannt, monströs oder ungeheuerlich gewaltig war das klingende Ergebnis aber weniger. Dennoch blieb der kraftvolle, aber trotzdem von feinen Melodiephrasen durchzogene Habitus von Phronesis – bestehend aus Hoiby sowie dem englischen Pianisten Ivo Neame und dem schwedischen Schlagzeuger Anton Eger – erhalten.

Im Halbrund haben sich die ganz in Schwarz gekleideten Bläser der HR-Bigband entsprechend um die drei als Kontrast in Weiß gekleideten Phronesis-Musiker auf der Bühne postiert. Dirigent und Saxofonist Argüelles als verbindendes Element erschien in Grau. Zusammen überzeugten sie mit einem dynamischen Klangbild. Während beide Gruppen im süßlich dahingroovenden Opener »Untitled #1« nacheinander zusammenfanden und schließlich dem Latin-Feeling mit einem Gitarrensolo von Martin Scales gerecht wurden, fetzten die Bläser im anschließenden »Ok Chorale« mächtig los.

Fundament des Ganzen bleibt aber Phronesis. Die Arrangements lehnen sich weitgehend an den Originaltiteln an. Oftmals sind es die Klavierparts Neames, die von der Bigband in voller Pracht der Spiel- und Klangfarbe aufgefächert werden. Dabei sei zu beachten, dass die Gleichberechtigung der Instrumentalisten von Phronesis ein Merkmal des Trios ist. Entsprechend ging in den Tutti-Parts mit Orchester die Klavierstimme auch etwas unter. Wohingegen Hoibys Bass stets die sonore Basis abgab und Eger sich überhaupt mit seinem gewieften, rockigen und vertrackten Schlagzeugspiel sowie ganzem – manchmal affektierten – Körpereinsatz den Abend über von selbst in den Vordergrund rückte. Nur ergänzt durch Argüelles als vierten Mann am Tenorsaxofon blieb etwa das zeitweise rhythmisch-militärisch anmutenden »Urban Control« ganz in Phronesis-Hand. Dafür entpuppte sich das aufstachelnde, mit repetitiven Bläserattacken besetzte »Herne Hill«, das nur durch ein smoothig waberndes Posaunensolo Peter Feils eine Ruhephase fand, als ein Höhepunkt des Sets. Als wohl extravagantestes Stück etablierte sich »Stillness«, das zunächst Raum für ein melancholisches Zwiegespräch zwischen Klavier (Neame) und Klarinette (Ben Kraef) gab, dann aber wild angestachelt orchestral in orientalische Gefilde expandierte.

Überhaupt bekamen Solisten häufig Gelegenheit für improvisatorische Statements. Vor allem Trompeter Axel Schlosser begeisterte das Publikum in »Zieding« mit seiner Metamorphose von tiefen dezenten Tonfetzen hin zum reißerischen High-Note-Powerplay.

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