27. Juni 2019, 19:00 Uhr

Obdachlose

»Ohne das Projekt wäre ich tot«

Erst bekommen sie eine Wohnung, die dann zur Basis wird für eine weitere positive Entwicklung: Der Ansatz »Housing First« für Obdachlose ist auch in Gießen ein Erfolg.
27. Juni 2019, 19:00 Uhr
Menschen, die auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Chance hatten, bekommen dank »Housing First« sehr oft ihr Leben wieder in den Griff. (Symbolbild: dpa

Wer in Deutschland auf der Straße lebt, tut das mehr oder weniger freiwillig: Dieses Vorurteil sei schon lange widerlegt, sagen die Wohnungslosigkeit-Experten vom Diakonischen Werk Gießen. Wie ersehnt und hilfreich die eigenen vier Wände sein können, zeigt eindrucksvoll ihr Projekt »ZuHAUSe«. Sechs Klienten, die nach dem Prinzip »Housing First« eine Wohnung bekamen, hätten sich seitdem »enorm entwickelt«. Sie bekämen ihre anderen Probleme in den Griff, manche fänden zurück in ein selbstständiges Leben samt Vollzeitjob.

»Housing First« ist in anderen Ländern längst bewährt. In Deutschland gehörte die Gießener Diakonie zu den Pionieren, als sie sich vor drei Jahren an den neuen Ansatz heranwagte - in Kooperation mit Wohnbau, Stadt und Kreis, finanziell gefördert über den Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP). Nun war der evangelische Wohlfahrtsverband Gastgeber des ersten Netzwerktreffens. Initiativen aus sieben Städten tauschten sich aus. Sie alle bewerteten den Ansatz als Erfolg, sagen Diakonie-Bereichsleiter Andreas Schmidt und die beiden Sozialarbeiter Sarah von Trott und Konstantin Potthoff.

»Housing First« heißt: Obdachlose müssen nicht erst einmal ihre »Wohnfähigkeit« beweisen. Sie erhalten ohne Vorbedingungen - etwa: abgeschlossene Suchttherapie - eine Wohnung. Diese wirkt als Schutzraum und Basis für die Stabilisierung und weitere Entwicklung. Und das funktioniert, haben von Trott und Potthoff erfahren - sogar wenn der Betreffende fast 20 Jahre auf der Straße gelebt hat.

Meist folge auf die »Anfangseuphorie« zwar eine Krise: Zur Ruhe gekommen, würden den Klienten ihre Lebensprobleme erst richtig bewusst. Doch dank intensiver Betreuung, mitunter täglich, gelinge es meistens, sie zu überwinden. Es folge das »Management der anderen Baustellen« von Sucht über Schulden und Gesundheit bis zur Arbeit. Zudem gelte es eine neue Tagesstruktur aufzubauen und die Frage zu beantworten, wie viel Kontakt man noch möchte zur »Szene«, in die man zuvor eng eingebunden war.

Das Besondere am Gießener Angebot ist die Kombination mit der Straßensozialarbeit. Die Diakonie-Mitarbeiter kennen ihre Klienten oft seit Jahren. Dies erleichtert die vertrauensvolle Begleitung.

Finanzierung ab 2021 noch unklar

Internationalen Statistiken zufolge leben 80 bis 90 Prozent der Klienten nach drei Jahren noch in ihrer Wohnung. Ähnlich groß ist der Erfolg in Gießen. Nur eine Frau hat das Projekt abgebrochen, ein Klient ist gestorben. Von den sechs derzeit Vermittelten leben vier in Wohnbau-Wohnungen, die beiden anderen haben private Vermieter. Das Wohnraumversorgungskonzept der Stadt berücksichtigt die Klienten als dringlich.

Schmidts Fazit: »Housing First« breitet sich zu Recht auch in Deutschland aus. Geeignet sei diese Hilfe für »sehr viele« Obdachlose. Doch Geld und Personal für die Betreuung sowie die Wohnungsknappheit schränken die Möglichkeiten ein. Derzeit ist auch noch nicht klar, wie die Finanzierung über das nächste Jahr hinaus aussehen wird.

Hinter dem Projekt stehe »eine Haltung«, sagt Sarah von Trott. »Nichts passiert mit Zwang. Man begleitet den Klienten auf seinem Weg, so wie er selbst leben möchte. Man setzt Vertrauen in die Ressourcen der Menschen.« Das könne Leben retten, ergänzt Andreas Schmidt. Für Menschen, die auf dem Markt »überhaupt keine Chance« hatten, sei »ZuHAUSe« oft »der letzte Hoffnungsschimmer«. Im Ohr blieb ihm der Satz eines Klienten nach der Wohnungsübergabe: »Wenn es das Projekt nicht gäbe, wäre ich jetzt wahrscheinlich tot.«

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