Stadt Gießen

Ohne Töchter geht nichts

Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht es längst nicht nur um Kinderbetreuung, sondern auch um die Pflege alter Eltern. Unternehmen und Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen.
05. Oktober 2017, 14:00 Uhr
Christine Steines
alterermenschen_051017
Auch berufstätige Töchter übernehmen in der Pflege der Eltern eine immer wichtigere Rolle. (Foto: Fotolia/De Visu)

Lässt er die Herdplatte an? Was ist, wenn der Papa stürzt? Ob er an sein Mittagessen denkt? Es gab eine Zeit, in der war Corinna Lich im Büro immer wieder in Gedanken zu Hause. Sie machte sich Sorgen um ihren an Demenz erkrankten Vater. Ab und zu musste sie eilig die Firma verlassen, um nach dem alten Herrn zu schauen – trotz Pflegedienst. Seit einiger Zeit ist der 94-Jährige nun im Pflegeheim. Dort ist er ganz zufrieden, er lebt im Hier und Jetzt. Und die Tochter ist erleichtert. »Ich konnte die Verantwortung nicht mehr tragen«, sagt sie.

Beratung durch Pflegeguide

Die 55-Jährige kennt die Situation nicht nur aus eigener Erfahrung. Sie ist neben ihrer Tätigkeit in der Personalentwicklung sogenannter Pflegeguide bei der Firma Rinn in Heuchelheim. Das bedeutet, sie ist Ansprechpartnerin für Mitarbeiter, die sich zu Hause um einen Angehörigen kümmern müssen. Sie vermittelt Kontakte zu Beratungsstellen wie zum Beispiel der Beko (Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen) und dem Pflegestützpunkt. »Oft wissen Familien nicht, was ihnen zusteht, welche Anträge sie stellen können und welche Hilfsmittel es gibt«, sagt sie. Auch sie selbst habe von der Unterstützung durch die Beko sehr profitiert.

Drängendes Problem

Außerdem ist die Firma Rinn Mitglied einer Kooperationsgemeinschaft heimischer Arbeitgeber, die regelmäßig Veranstaltungsreihen zum Thema »Beruf und Pflege« organisieren. In vielen Firmen ist die Notwendigkeit, familienfreundliche Angebote zu machen, bereits angekommen, sagt Andrea Kramer (Beko), dennoch gebe es »noch viel Raum nach oben«. Für zahlreiche Arbeitnehmer der mittleren Generation sei die Pflege alter Angehörigen ein drängendes Problem. Ein Indiz dafür ist, dass ein Bildungsurlaub, den die Beko Anfang November gemeinsam mit den Volkshochschulen veranstalten wird, bereits nach wenigen Tagen ausgebucht war. 2018 wird es daher einen weiteren Termin geben.

Hohe Nachfrage

»Die Nachfrage signalisiert den Bedarf«, sagt Kramer: Bereits 2020 wird jeder achte Erwerbstätige einen Menschen zu pflegen haben, im Jahr 2040 gar jeder sechste.. Wunsch des Gesetzgebers ist die Beteiligung der Unternehmen schon lange: »In den Betrieben muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Pflege und Unterstützung aller Familienmitglieder eine neue Aufgabe von Familien ist. Die Ermöglichung dieser Aufgabe bei gleichzeitigem Erhalt der Berufstätigkeit und eines Arbeitsverhältnisses ist zu fördern«, hieß es schon 2006.

Enorme Belastung

Die Realität, weiß Kramer, sieht anders aus. Viele Beschäftigte verschweigen, dass sie sich um einen Pflegebedürftigen kümmern müssen – aus Angst, als nicht belastbar zu gelten und auch aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Belastung ist in der Tat oft enorm: Durchwachte Nächte sowie die anstrengende Betreuung bringen Angehörige häufig an den Rand ihrer psychischen und physischen Kräfte – trotz Unterstützung durch Pflegedienste. Pflege ist ohne die Einbeziehung Angehöriger nicht zu finanzieren, das wissen Fachleute schon lange – das System würde kollabieren, wenn nicht Töchter und Schwiegertöchter (Männer sind nach wir vor selten eingebunden) einspringen würden. Da Frauen aber zudem erwerbstätig sein wollen und müssen, ist es dringlich dass die Arbeitgeber eine »pflegesensible Personalpolitik« betreiben.

Auswirkung auf Fehlzeiten

Tun sie dies nicht, wird sich das auswirken: Krankenstand und Fehlzeiten erhöhen sich, bewährte Mitarbeiter kündigen, es gibt Unzufriedenheit im Team.

Außerdem ist die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ebenso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung eine gesellschaftliche Aufgabe, an der sich auch die Wirtschaft beteiligen muss, wenn man den demografischen Wandel in den Griff bekommen will. Schon jetzt regelt das Pflegezeitgesetz rechtliche Ansprüche. Dabei gibt es zwei verschiedene Freistellungsvarianten, eine wirkliche Entlastung stellt das Gesetz in der Praxis jedoch nicht dar.

Um den Beschäftigen zu ermöglichen, die Situation zu bewältigen, gibt es Instrumente: Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, die Optimierung von Arbeitsabläufen. Aber auch gesundheitsfördernde Maßnahmen der Firmen wie Sport und Stressbewältigung. Und natürlich Pflegeguides wie Corinna Lich.

Beratungsstelle Beko

Bei Fragen rund um die Pflege kann man sich an die Beratungsstelle für ältere Menschen Beko (Kleine Mühlgasse) wenden: Telefon: 06 41/97 90 09 0. E-Mail: seniorenberatung@beko-giessen.de. www.beko-giessen.de. Auch der Pflegestützpunkt ist ein wichtiger Anlaufpunkt: pflegestuetzpunkt@landkreis-giessen.de, Tel. 20 91 64 97

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Ohne-Toechter-geht-nichts;art71,324897

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung