18. April 2018, 14:00 Uhr

Einer aus Gießen

Ohne Angst zu Fuß durch die Stadt

Der Opernsänger Colenton Freeman ist der einzige Gießener, der in Atlanta geboren wurde. Die GAZ-Serie stellt ihn vor.
18. April 2018, 14:00 Uhr
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Von Karen Werner
Am idyllischen Ulenspiegel-Hof wohnt Colenton Freeman – da hat er es nicht weit zu den Innenstadt-Cafés, in denen er gern sitzt. (Foto: Schepp)

Er hat in London gesungen, in Mexiko und auf Guadeloupe. Doch seinen ersten Wohnsitz behält der Operntenor und Gesangslehrer Colenton Freeman seit 31 Jahren in Gießen. »Ich fühle mich hier freier als drüben«, sagt der Amerikaner. »Hier kann ich ohne Angst zu Fuß durch die Stadt gehen, auch nachts.« Der 62-Jährige ist laut der städtischen Statistik der einzige Gießener, der in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia zur Welt gekommen ist.

Europa war eigentlich zunächst gar nicht das Ziel des jungen Künstlers. Zwar hatte er während seines Gesangsstudiums in Ohio neben Italienisch und Französisch auch etwas Deutsch gelernt und eine Vorliebe für das deutsche Kunstlied entdeckt. Doch seine Opernkarriere begann in San Francisco. Später lebte er in New York.

 

Army-Abzug war »sehr hart«

 

Ein Problem in den USA war seine Hautfarbe. Dass ein schwarzer Sänger mit einer weißen Frau auf der Bühne steht und – wie es der Tenor häufig tut – ihren Liebhaber spielt, galt als anrüchig. Freemans Agent riet ihm daher, es in Deutschland zu versuchen.

Ein Stipendium ermöglichte 1986 eine Vorsing-Tournee durch deutsche Theater. Gießen war die 13. und letzte Station. »Es war Dezember. Grau, kalt, der Bahnhof eine Misere«, erinnert sich Freeman an den ersten Eindruck. Doch der Stadttheater-Intendant Reinald Heissler-Remy machte ihm ein gutes Angebot: Ein festes Engagement und genau die Rollen, die ihm lagen.

Im Vertrag verpflichtete sich Freeman, zügig Deutsch zu lernen. Darum musste er sich anfangs bewusst bemühen. Zum einen, weil deutsche Freunde im Gespräch mit ihm ihr Englisch verbessern wollten. Zum anderen, weil damals bis zu 20 000 Amerikaner am Militärstandort Gießen lebten. Mit Landsleuten konnte Freeman Thanksgiving oder amerikanische Weihnachten feiern. Mit der Kirchengemeinde war er eng verbunden, er versah dort unter anderem das Amt des Kirchenmusikers. »Es war sehr, sehr hart für mich, als die Army abgezogen ist.«

Gute Basis für Gastspiele

Gießen blieb dennoch sein Zuhause. Zwar war Freeman nur zwei Jahre am Stadttheater angestellt. Doch die Stadt in der Mitte Deutschlands und Europas erwies sich als gute Ausgangsbasis für Gastspiele. Der Sänger behielt seine Wohnung auch, wenn er anderswo für Monate ein Engagement hatte, etwa in Hamburg im »Phantom der Oper«.

Doch nicht nur die geografische Lage spricht für Gießen. »Durch die Universität bleibt die Stadt jung und lebendig. Ich sitzte gerne in den Cafés, lese oder beobachte Leute. Früher habe ich meine Opernrollen im Café gelernt.« Seine Lieblingsplätze sind das Stadttheater und der Schwanenteich: »Dort habe ich nachmittags vor jeder Vorstellung einen Spaziergang gemacht, um mein Lampenfieber abzuarbeiten.« Sieben Jahre leitete er einen Gospelchor, der aus einem Volkshochschul-Angebot hervorgegangen war.

Memoiren schreiben

Nach einer Krankheit singt der 62-Jährige nicht mehr selbst. Er gibt Gesangsunterricht an der Universität Kassel, an der Musikschule Dillenburg und privat. Außerdem schreibt er an seinen Memoiren. In Gießen hat Freeman keine Angehörigen, die Verwandten in den USA besucht er alle zwei bis drei Jahre. Ihm fehle die Familie, das Essen, der »Southern charm«, erzählt er.

Was hält ihn hier? Auch die medizinische Versorgung – vor allem aber sein Herz. Vor sieben Jahren hatte er ein »tolles Angebot« von der Universität Michigan und wollte eigentlich übersiedeln. Er saß schon im Flugzeug, als er auf seine innere Stimme hörte und wieder ausstieg. »Meine Heimat im poetischen Sinne ist Atlanta. In der Realität ist es Gießen.«



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