Stadt Gießen

Offenes Ohr, Finger in der Wunde

Die eigenen vier Wände sind ein Rückzugsort. Doch was ist, wenn das heimische Idyll durch anhaltende Bauarbeiten gestört wird? Bei Projekten der Wohnbau kommt das häufiger vor, Stichwort »Sanieren im Bestand«. Damit Mieter einen unabhängigen Ansprechpartner haben, hat die Wohnbau vor drei Jahren Ombudsmänner eingestellt. Einer davon ist Lutz Perkitny.
13. Oktober 2017, 19:47 Uhr
Christoph Hoffmann
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Lieselotte Bartz (l.) und Lutz Perkitny sprechen über die Belastungen, die die Baustelle mit sich bringt. (Foto: chh)

Die Bewohner der Karl-Keller-Straße 2 bis 4 sowie des Waldbrunnenwegs 5 haben mit Baustellenlärm zu kämpfen. Ihre Häuser werden seit März dieses Jahres bis zum Sommer 2018 aufwendig saniert. Doch an diesem Nachmittag sind es keine Baumaschinen, die den Soundtrack bilden, sondern bajuwarische Volksmusiker. Die Wohnbau als Vermieter hat zu einem Baustellenfest geladen. Auf dem Grill brutzeln Schweinshaxen, aus dem Zapfhahn fließt Weizenbier. An den Tischen sitzen Handwerker, Mieter und Wohnbau-Vertreter friedlich vereint. Auch Lutz Perkitny hat Platz genommen. Er ist von der Wohnbau als Ombudsmann für die Baustelle engagiert worden. Eine Entscheidung, die sich offenbar bezahlt macht. »Der Perkitny ist ein Top-Mann«, sagt eine der Mieterinnen und klopft dem Gießener auf die Schulter. »Und Sie eine Top-Mieterin«, gibt Perkitny das Kompliment zurück. Pure Harmonie auf der Baustelle? Perkitny lacht. »Nein, das ist nicht immer so.«

Sanierungen im bewohnten Zustand sind für Mieter immer eine Belastung. Das weiß auch Wohnbau-Chef Reinhard Thies. »Egal wie man vorgeht, am Ende ist es strapaziös.« Aber man könne versuchen, die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten. Und vor allem: Den Mietern Ansprechpartner zur Seite stellen. »Unsere Kundenbetreuung sucht nach der wöchentlichen Baubesprechung stets den Kontakt zu den Mietern, um Fragen zu klären.« Doch so entgegenkommend und hilfreich das Team auch sei, es bleibe ein Vertreter der Wohnbau. »Und wenn die Mieter ein Problem mit uns haben, wollen sie lieber mit jemand anderem sprechen.« Daher habe er vor gut drei Jahren die unabhängigen Ombudsmänner eingeführt, sagt Thies. Ausgangspunkt war die Sanierung zweier Hochhäuser im Herderweg. »Da hat es eine gewisse Eskalation gegeben.«

Fürwahr: »Schmutz und Lärm als Ärgernis« titelte die GAZ am 21. August 2014. Die Mieter waren erbost, weil die Sanierung aufwendiger war als angekündigt. Grund war der unerwartete Fund von asbesthaltigen Abflussrohren. Selbst ein Fernsehteam stand eines Tages auf der Matte, um über die Sorgen der Mieter zu berichten. Um die Kommunikation zu verbessern, rief die Wohnbau ein Sanierungscafé ins Leben. Und sie stellte einen Ombudsmann ein.

»Inzwischen machen wir das bei allen größeren Projekten«, sagt Thies. Man habe mit den Ombudsmännern und -frauen durchweg gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn es für die Wohnbau nicht immer angenehm sei: »Ihre Aufgabe ist es ja, den Finger in die Wunde zu legen.« Der Wohnbau-Chef bezeichnet sie daher als »Vermittler zwischen den Fronten«, die eine »intermediäre Rolle« einnehmen.

Perkitny drückt es etwas anders aus. »Wir sind vor Ort und haben ein offenes Ohr für die Mieter.« Doch der Job sei alles andere als einfach. Da er weder Jurist noch Techniker ist, sei er auf die Unterstützung der Wohnbau-Kundenbetreuer angewiesen. Vieles mache man gemeinsam. Und nicht zuletzt sei der Erfolg seiner Arbeit von der Einstellung der Mieter abhängig. »Frau Bartz zum Beispiel«, sagt Perkitny und blickt zu seiner Sitznachbarin, »würde niemals klagen. Dafür ist sie viel zu bescheiden«. Die Seniorin lächelt. »Was soll ich mich auch groß beschweren. Es läuft ja alles.« Gut, das Entfernen des alten Fassadenputzes sei schon ziemlich laut gewesen, gleiches gelte für die Installation der neuen Lüftung, und durch den Abriss und Neubau der Balkone habe sie ihr Mobiliar neu arrangieren müssen. Aber damit komme sie schon klar. Nach 35 Jahren in ihrer Wohnung werde sie doch wegen ein paar strapaziöser Monate nicht noch einmal umziehen.

Trotzdem sind nicht alle Bewohner so verständnisvoll wie Lieselotte Bartz, sagt Perkitny. »Das ist aber auch normal. Am Anfang hält man die Beeinträchtigungen noch gut aus. Aber je länger die Arbeiten dauern, desto stärker geht es an die Nerven. Irgendwann ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht.« Allerdings, und das ist Perkitny wichtig, hätten die meisten Mieter dieses Projekts sehr besonnen reagiert. Wie zum Beweis gesellt sich noch einmal die anfangs erwähnte Mieterin an den Tisch. »Es ist zwar anstrengend«, sagt sie und nippt an ihrem Weizenbier. »Aber das Ende naht.«

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