31. Juli 2018, 21:56 Uhr

Offene Menschen, Maniok und Salsa

31. Juli 2018, 21:56 Uhr
Feierabend! Wenn Francisco Pizarro aus seinem Arbeitsort Bad Nauheim nach Gießen zurückgekehrt ist, bummelt er gern erst einmal durch die Fußgängerzone. (Foto: kw)

Dass Francisco Pizarro 1990 in der Wetterau landete, war mehr oder weniger Zufall. Als er sechs Jahre später umzog, entschied er sich wohlüberlegt für Gießen. »Ich bin ein lebendiger Mensch. Ich brauche Bewegung und Begegnung« – und die finde er hier, erklärt der 57-Jährige. Er ist einer von drei Gießenern, die in Pasto in Kolumbien geboren wurden.

In der 400 000-Einwohner-Stadt studierte Pizarro Sozialpädagogik und war in der Jugendarbeit tätig. Dort lernte er eine deutsche Frau kennen, und das erste Kind kam zur Welt. 1990 waren sie zu dritt im Urlaub in Deutschland, als sie aus Kolumbien gewarnt wurden, das Land wegen der politischen Situation im Moment besser zu meiden. Nach einem Jahr kehrte die mittlerweile vierköpfige Familie nach Kolumbien zurück. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Lebensbedingungen dort vor allem für die Kinder ungünstig waren. Deshalb zogen die Pizarros wieder nach Nieder-Mörlen.

Architektur aus Trümmern

In Bad Nauheim fand Pizarro eine Stelle in einem Krankenhaus. Dort arbeitet er heute noch als Assistent bei der Sterilisation von medizinischen Instrumenten. Dennoch zog er nach der Trennung von seiner Frau 1996 bewusst nach Gießen. »Hier war ich sowieso jede Woche«, etwa bei den Treffen der Peru-Gruppe – später Lateinamerikagruppe – bei der Katholischen Hochschulgemeinde. Er organisierte politische Vorträge, Konzerte oder Informationsveranstaltungen mit.

Dabei stellte er fest, wie offen und vielfältig die Menschen in der Universitätsstadt sind und wie groß das Kulturangebot ist. »Hier kann man alles machen: Musik, Theater, spät in die Kneipe gehen.« Er selbst spielt gelegentlich bei kleineren Veranstaltungen Gitarre.

Nach Feierabend aus Bad Nauheim zurückgekehrt, spaziert er gern durch die Fußgängerzone: »Sie hat einen besonderen Charakter. Man trifft oft Leute und setzt sich in ein Café zum Reden. Oder man fragt per Telefon: Wo bist du? In Gießen ist man nie weit voneinander entfernt.« Außerdem: Die Mieten seien bezahlbar im Vergleich beispielsweise mit Bad Nauheim.

»Gießen ist hässlich« – diesem verbreiteten Vorurteil tritt Pizarro entschieden entgegen. »Man muss die Geschichte der Stadt kennen.« Wer Bescheid weiß über die Bombardierungen 1944/45, habe mehr Verständnis für die Architektur, die aus Trümmern entstand. Außerdem: Gießen habe sich in den letzten Jahrzehnten zum Besseren verändert.

Vermisst er etwas aus Kolumbien? »In den ersten Jahren war das so.« Doch seitdem habe sich viel verändert. Beispielsweise muss man nicht mehr nach Frankfurt fahren, um Maniok oder Kochbananen zu kaufen. Auch die Musik ist in Gießen angekommen: Jeden Sonntag tanzt der 57-Jährige mit seiner spanischen Freundin Salsa an der Strandbar. Der Kontakt zu Verwandten in Kolumbien ist ebenfalls einfacher geworden dank elektronischer Möglichkeiten wie Skype.

Nicht nur, weil sich Francisco Pizarro »an die Sicherheit und Lebensqualität gewöhnt hat«, kommt eine Rückkehr nach Südamerika nicht infrage. Beim Wort »Heimat« denkt er mittlerweile zuerst an Gießen, sein Zuhause seit 22 Jahren. »Hier habe ich intensiv gelebt und habe viele Möglichkeiten, die Welt weiter zu entdecken.«

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