27. Mai 2009, 21:42 Uhr

Nur drei Bewerber bei Anhörung zur Uni-Präsidentenwahl

Gießen (si). Sechs Wochen vor der Wahl des neuen Präsidenten der Justus-Liebig-Universität haben am Mittwoch drei Bewerber ihr hochschulpolitisches Programm vorgestellt. Die Gießener Universität habe viel Potenzial, sie könne im Wettbewerb bestehen, lautete das gemeinsame Credo der Professoren Joybrato Mukherjee, Harald Schmidt und Dorothea Hegele, die im Detail allerdings teils sehr unterschiedliche Akzente setzten.
27. Mai 2009, 21:42 Uhr
Joybrato Mukherjee

Die Gießener Hochschule müsse als Volluniversität weiterentwickelt werden, sagte der Sprachwissenschaftler und JLU-Vizepräsident Mukherjee, der ein Konzept (»JLU 2020«) für die kommenden zehn Jahre vorlegte. Der früher in Gießen und jetzt in Melbourne lehrende Pharmakologe Schmidt stellte sein Statement unter das Leitmotiv der Exzellenz in Forschung und Lehre, die in sechs Jahren erreichbar sei. Die Juristin Hegele (Leipzig), die die Universität Gießen bislang nur von außen kennt, sprach eher allgemein über die Bedeutung von Frauenförderung und Wissenstransfer. Der vierte Kandidat, Prof. Hermann J. Forneck, erschien nicht zu Sitzung in der Uni-Aula, weil sein für den Vormittag gebuchter Flug von Siena nach Frankfurt kurzfristig gestrichen worden war. Er soll nun am kommenden Mittwoch angehört werden. Dann wird das Gremium in Absprache mit dem Wissenschaftsministerium auch darüber entscheiden, wer sich am 8. Juli tatsächlich zur Wahl stellen darf.

Die Universität Gießen sei derzeit sehr gut aufgestellt. Der demografische Wandel, die weitere Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft und der härter werdende Kampf um knappe Ressourcen werde sie aber vor neue Herausforderung stellen, sagte Mukherjee. Forschung und Lehre seien das »Kerngeschäft«, hier gebe es »Profilierungspotenzial«. Verknüpft seien beide in der Graduiertenausbildung, wobei langfristig ein drittes »Staatswissenschaftliches Graduiertenzentrum« denkbar sei. Im Bereich Forschung müsse mit höchster Priorität die Ansiedlung eines Fraunhofer-Teilinstituts für Bioressourcen betrieben werden. Auch in den Kulturwissenschaften gebe es weitere Möglichkeiten zur Profilierung bis hin zu einem neuen Sonderforschungsbereich. Ausdrücklich hob Mukherjee die Bedeutung der Medizin für die Hochschule hervor (»keine Fusion der Gießener und Marburger Fachbereiche, aber strukturierte Kooperation«) und stellte sich auch hinter die Lehrerausbildung, die ein wichtig profilbildendes Element der JLU sei. Generell müssten die Studiengänge weiterentwickelt und bei Bedarf »entschlackt« werden, zudem werde die Hochschule unter seiner Leitung das »Zukunftskonzept« weiterentwickeln, sagte Mukherjee, der sich in dem Zusammenhang für einen dritten Vizepräsidenten aussprach.

Schließlich stellte sich der mit 35 Jahren weitaus jüngste Bewerber auch hinter das Gleichstellungskonzept, das konsequent umgesetzt werden müsse, plädierte für eine stärkere Internationalisierung der Universität Gießen und sprach sich dann dafür aus, eine »Marke JLU« zu entwickeln, die sich in der Öffentlichkeit präsentiere und den Kontakt zu »Ehemaligen« pflege. Zudem solle die inneruniversitäre Kommunikation weiterentwickelt werden. Ein regelmäßiger und institutionalisierter Austausch zwischen dem Präsidium und Vertretern der einzelnen Hochschulgruppen werde für ihn selbstverständlich sein. Er strebe ein »Präsidium der offenen Türen« an, so Mukherjee.

Gießen habe »echte Stärken, ja Superlative«, sagte Schmidt, der unter anderem auf die »höchste Studentendichte in Deutschland, das fortschrittlichste Doktorandenkonzept und den erfolgreichsten Technologie-Transferbereich aller deutschen Universitäten« verwies. Die Attraktivität der Stadt und die Qualität des Studiums werde bei der Studienwahl künftig den Ausschlag geben, prognostizierte der 50-Jährige. Die Universität müsse deshalb exzellente Lehre anbieten. Diese aber habe exzellente Forschung zur Voraussetzung. Die ungewöhnliche Forschungsbreite in Gießen müsse erhalten und sogar noch ausgebaut werden. Dabei solle auch die Anwerbung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen systematisch verstärkt und der Kontakt zu Partnern des öffentlichen Lebens - auch Unternehmen - gesucht werden.

Exzellenz in Forschung und Lehre brauche auch eine »Exzellenz in der Umsetzung«, dafür seien »Spitzenmitarbeiter« notwendig, sagte der approbierte Arzt und Apotheker, der 2005 von der Justus-Liebig-Universität an die Monash University in Sydney wechselte und dort als Direktor ein wissenschaftliches Zentrum leitet. Die Kommunikation an der Universität könne und solle verbessert, unter allen Hochschulangehörigen ein »Wir-Gefühl« geschaffen werden. Er werde ein »Teamplayer« sein. Darüber hinaus bekannte sich auch Schmidt zur Notwendigkeit, qualifizierte Frauen besonders zur fördern, und stellte sich hinter die Lehrerausbildung, die einen festen Platz an der Universität haben müsse. Zudem sprach er sich ausdrücklich gegen eine Fusion der medizinische Fachbereiche in Gießen und Marburg, aber für deren verstärkte Zusammenarbeit aus. Schließlich plädierte Schmidt für mindestens einen zusätzlichen Uni-Vizepräsidenten. Auf Nachfrage (der Studierenden) stellte er sich - wie übrigens auch seine beiden Mitwerber - ausdrücklich hinter die Organe der verfassten Studentenschaft. Sie hätten sich bewährt und sollten nicht abgeschafft werden.

Zwei Drittel der Studierenden an der Justus-Liebig-Universität seien Studentinnen. Danach tue sich jedoch »in den drei wichtigsten Säulen« der Hochschule - Lehre, Forschung und Wissenstransfer in Wirtschaft und Gesellschaft - »eine gewaltige Schere auf«, sagte Hegele, einzige Frau unter den Bewerbern. Bis zu den Professuren gehe der Frauenanteil immer weiter zurück. Dies müsse die Hochschule in ihrem eigenen Interesse ändern. »Wenn die Universität die Auflagen der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu den Frauenanteilen an den Promotionsprogrammen nicht erfüllt, gibt es sie bald nicht mehr. « Die Frauenförderung werde nach ihrer Einschätzung in Zukunft ein noch wichtigeres Kriterium bei der Mittelverteilung sein, prognostizierte die 49-jährige Juristin, die in Leipzig als selbstständige Rechtsanwältin und Beraterin tätig ist.

Um den Frauenanteil zu erhöhen, seien viele Maßnahmen nötig: Angefangen von erweiterten Kinderbetreuungsangeboten bis zu Programmen zur Verbesserung der beruflichen Perspektiven, an denen sie selbst auf europäischer Ebene seit über zehn Jahren mitarbeite, sagte Hegele. Notwendig sei aus ihrer Sicht ein »interdisziplinär, international, regional sowie wirtschafts-, sozial- und qualitätsorientiertes Präsidium«, das sich für die gesamte Hochschule einsetze. Stark machen wolle sie sich insbesondere für die Weiterentwicklung der Zielvereinbarungen, der neuen Studiengänge, der Gestaltung der Hochschulpakte, der Struktur- und Entwicklungsplanung, des Zukunftskonzeptes und der Akkreditierungsverfahren. Ausdrücklich nannte sie die Gießener Transfergesellschaft TransMIT, die mit ihren 70 Zentren sehr gut aufgestellt sei. Diese müssten stärker in den Entwicklungsprozess der Universität einbezogen werden. Zudem plädierte Hegele für eine nachhaltige Kooperation mit den Unternehmen in der Region. Außerdem lobte sie die Privatisierung des Uniklinikums Gießen und Marburg. Dazu könne man die Hochschule nur beglückwünschen, sagte sie. (Archivfotos: AZ)

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