26. Mai 2018, 14:00 Uhr

Little America

Nur der Adler ist im US-Depot geblieben

62 Jahre lang gab es »Little America« in Gießen. Wie prägten »die Amis« das Leben der Gießener? Eine Spurensuche auf der Großbaustelle zwischen Baggern und schmucker 30er-Jahre Architektur.
26. Mai 2018, 14:00 Uhr
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Von Christine Steines
Der Greifvogel aus Gusseisen thront noch immer auf dem Mast im ehemaligen US-Depot. (Foto: Schepp)

Er sitzt immer noch hoch oben auf dem Mast. In der ehemaligen kleinen Parkanlage gleich hinter dem Wachhaus thront der Weißkopfadler über Gießens neuem östlichen Stadtviertel. »Die Amerikaner haben wie vereinbart alles besenrein hinterlassen, aber ihr Wappentier ist hier geblieben«, sagt Petra Bröckmann und deutet auf den gusseisernen Greifvogel. Von dort oben hat er Aussicht auf ein Gelände, das derzeit von Tag zu Tag sein Gesicht verändert: Hier siedelt sich Gewerbe an; Wohnhäuser, eine Kita, das Gefahrenabwehrzentrum entstehen, eine neue Infrastruktur entwickelt sich. Bis zum Abzug der Amerikaner war Bröckmann Pressesprecherin an diesem US-Standort. »Little America hat auch Gießen und seine Bürger geprägt, das sollte nicht in Vergessenheit geraten«, meint sie. Aus diesem Grund lädt die Tourist-Info Interessierte zu einem Rundgang über das Gelände ein.

Ein Rotwein-Brunnen?

Die meisten Gießener haben in ihrem Alltag nicht viel mitbekommen von den Amerikanern – was sich in der Rödgener und Grünberger Straße hinter Zäunen, Mauern und Toren abspielte, war eine andere Welt. Aber es gab durchaus Einblicke – manchmal sogar richtig umwerfende: So war der »Brunch« im Alpine Club legendär. Dort lernten die Gießener, was »all you can eat« bedeutet – und nahmen das »all you can drink« so wörtlich, dass die Gastgeber davon schnell wieder Abstand nahmen. Der Biergarten des Alpine Club war ein beliebter Treffpunkt. Ob es dort tatsächlich einen Brunnen gab, der mittels einer Pumpe Rotwein hervorbrachte, wird kolportiert, ist aber nicht verbürgt.

Richtig rund ging es auch im Woodland Club, die Straßen waren oft gesäumt von US-Schlitten. »Die Stimmung war einfach großartig«, erinnert sich Bröckmann. Hier traten bekannte Soul- und Jazzgrößen auf, und unter der großen Glitzerkugel wurden die Nächte durchgetanzt: Deutsch-Amerikanische Freundschaft »very hot«. Zur Stärkung zwischendurch knusperte man »Chicken wings«. »Die gab es in Deutschland sonst noch nicht, das war sensationell«, berichtet eine Teilnehmerin der Führung. Sensationell auch der Geschmack von salzigem Popcorn mit Butter, steuert ihr Nachbar bei. Ach ja, das Kino. In dem inzwischen abgerissenen Filmpalast ertönte zu Beginn jeder Vorstellung die US-Hymne. Alle Besucher erhoben sich von ihren Plätzen.

Bis 2007 Warenverteilzentrum

Das US-Depot war bis 2007 das zentrale Warenverteilzentrum der Streitkräfte in Europa. Von hier aus wurden Güter wie Nahrung, Kleidung, Möbel und technische Geräte für die Streitkräfte in die »PX«-Läden (PostExchange) der US-Army und Air Force in Westeuropa und in Krisengebiete verschickt. »Little America« in Gießen war völlig autark, es verfügte über alle notwendigen Versorgungs-, Sport- und Vergnügungseinrichtungen. Es war nicht notwendig, das Gelände zu verlassen – und viele Soldaten taten das offenbar während ihrer Stationierung auch nicht. Das Depot war ein wichtiger Arbeitgeber in der Stadt, zeitweise gab es hier 500 Arbeitsplätze.

Viele der alten Gebäude sind mittlerweile abgerissen, einige hat Investor Daniel Beitlich stilvoll saniert. Was mit dem Wachhäuschen wird, Gießens »Checkpoint Charly«, ist noch nicht klar. »Ein kleines Museum zur Erinnerung wäre schön«, sagt Bröckmann.

Erinnerungen gesucht

Führungen>

¬Als »Halloween, Santa Claus und Brunch über den Großen Teich kamen« – in den kommenden Monaten plant die Tourist-Information weitere Führungen mit Petra Bröckmann unter diesem Motto. Willkommen sind bei den Rundgängen auch Besucher, die mit eigenen Erinnerungen das Bild vervollkommnen können.



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