24. Dezember 2017, 14:00 Uhr

Weihnachten vor 70 Jahren

Not, Reue, Hoffnung: So feierte Gießen vor 70 Jahren Weihnachten

Essbares und Heizmaterial: Das waren die sehnlichsten Wünsche der Gießener zu Weihnachten 1947. Ein Blick in die Zeitung von damals und auf einen Traum, der bis heute unerfüllt blieb.
24. Dezember 2017, 14:00 Uhr

Hohlwangig und mit gefurchter Stirn schauen Frau und Kind auf ein kümmerliches Flämmchen. Das soll ein Weihnachtsbild sein? Ja, denn man schreibt das Jahr 1947. Ein Großteil Europas liegt in Trümmern. Auch die Deutschen leiden Not und müssen sich zudem der Verantwortung für Krieg und Naziverbrechen stellen. Von Mangel, Schuld, Reue und ein wenig Hoffnung berichtet die Weihnachtsausgabe der Gießener Freien Presse – so hieß damals die Gießener Allgemeine Zeitung – vor 70 Jahren.

Kunst aus der Not geboren

»In Häusern, Baracken und Kellerlöchern brennen billige, kleine Kerzen, weniger als vor einem Jahr. Aber die Gesichter vor diesen Flammen röten sich nicht in Freude und Gewißheit«, schreibt ein Redakteur über die Feiertage in der Stadt. »Der Glaube steht frierend mit dünnen Illusionen vor der Zukunft.« Eindrucksvoll hat der Zeichner Karl Rust den Artikel illustriert. Die Kunst im Blatt ist aus der Not geboren: Der knapp zwei Jahre jungen Zeitung fehlt es an Material für Fotos. Mangel bestimmt den Alltag.

Backen mit "Zimtersatz"

Die Gießener wünschen sich Essen. Wärme. Licht. Wohnraum. Schuhe. Und, und, und. Geld nutzt wenig: Waren erhält man über »Marken«, Schwarzmarkt-Beziehungen oder Tauschgeschäfte. Modegeschäfte bieten in Kleinanzeigen – für größere Annoncen reicht das Papier nicht – das Nähen von Kleidern an; den Stoff muss der Kunde selbst mitbringen. Unter der Schlagzeile »Weihnachtsüberraschung für die Hausfrau« werden Backrezepte aufgelistet ohne Butter, dafür mit »Zimtersatz« oder Grütze.

»Zu Weihnachten sitzen wir ohne Briketts und ohne Holz, hungernd und frierend da«, klagt eine Leserin. Einer Gießenerin würde Heizmaterial gar nichts nutzen: Seit Monaten bemüht sie sich vergeblich einen Ofen. »Angst vor dem Winter« heißt die Schlagzeile. Der extrem kalte »Hungerwinter« 1946/47 wirkt nach bei allen, die ihn überlebt haben. Hunderttausende Deutsche starben damals, vermuten Historiker heute.

Aus Westen zieht Tauwetter heran

Ja, es herrscht Not, schreibt der Zeitungsherausgeber Ludwig Lewy. Doch die Deutschen dürften nicht »die Schuld für das allzu langsame Überwinden der Folgen des Hitlerkriegs bei den Siegermächten suchen«. An diese Verantwortung werden die Leser nicht nur an Weihnachten erinnert. Ständig berichtet die GFP über Prozesse gegen namentlich genannte Gießener, die im »Dritten Reich« Nachbarn denunziert oder an Judenpogromen teilgenommen haben.

Nun, zu den Feiertagen 1947, zieht Tauwetter heran. Nasse statt weiße Weihnacht: Damals eine gute Nachricht. Auch im übertragenen Sinn naht Besserung aus Westen. Die US-Armee beschenkt 1600 Kinder der Depot-Mitarbeiter mit Obst, Bonbons und Spielzeug. Im Politikteil geht es um Marshallplan und Währungsreform. Beides wird in wenigen Monaten steil bergauf führen in Richtung »Wirtschaftswunder«.

Appell an Frauen: In die Politik gehen

Davon wagt noch keiner zu träumen. Die Weihnachts- und Silvesterausgabe sind voller beschwörender Appelle, Hoffnung zu bewahren und am Wiederaufbau mitzuwirken. Eine Autorin erinnert Frauen an die Weihnachtsabende im Krieg und fordert sie auf, sich für den Frieden einzusetzen. Wenn sie verhindern wollten, dass die Söhne »auf dem Schlachtfeld geopfert werden«, müssten sie »in Parlamenten und Konferenzzimmern« aktiv sein, statt »wieder Weibchen zu werden am Schürzenbändel der Männer«.

Auf dem Stadttheater-Spielplan für 27. Dezember steht »Aschenputtel«. Das Haus wird voll besetzt sein wie das Weihnachtskonzert in der Johanneskirche mit Uraufführung der Christgeburts-Kantate von G. A. Schlemm oder der Vortrag »Der Mensch als Bürger dieser Erde«. Ein Journalist berichtet, wie sich allerorten das Publikum mit knurrenden Mägen in eiskalten Sälen drängt. Selbst diese erfreulich wirkende Beobachtung mündet eine strenge Mahnung: Die Hinwendung zur Kultur dürfe nicht zur »Flucht in eine rosarote Illusion« werden.

Ein Wunsch ist bis heute unerfüllt

Wie halten sich die Menschen auf den Beinen bei dieser kargen Ernährung? Das fragt sich die Amerikanerin Sarah, die nach einer Wette mit ihrem Vater zwei Wochen in einer deutschen Familie gelebt hat. »Von Tag zu Tag wurde ich schlapper«, berichtet die 15-Jährige der Presse. Das Gießener Gesundheitsamt warnt indes: »Normale Kost für Heimkehrer lebensgefährlich«. Ein stark unterernährter ehemaliger Kriegsgefangener starb, weil er mehr aß als »leichteste Diät«.

»Wir sitzen in einem Rettungsboot auf stürmischer See.« Landrat Karl Benner bemüht in seiner Botschaft zum Jahreswechsel blumige Worte. »Wir sehen überall die fleißigen Hände sich regen, um trotz der scheinbaren Aussichtslosigkeit das Unmögliche zu erzwingen.« Oberbürgermeister Albin Mann freut sich über den entstehenden Bebauungsplan für die Stadt Gießen. Und nennt den einen Wunsch, der bis heute unerfüllt geblieben ist: Er plant die »Beseitigung des Niveauübergangs in der Frankfurter Straße«.

Zwischenruf

Lange her?

In eine andere Welt fühlt man sich versetzt bei der Lektüre der Zeitungsbände aus der Nachkriegszeit. Das Jahr 1947 scheint Lichtjahre her zu sein. In Wirklichkeit sind viele unter uns, die es erlebt haben. Uns Jüngeren verhilft der Rückblick zu mehr Verständnis für Senioren. Klar, dass manche sich schwertun mit dem Wegwerfen von »Gerümpel« – oder die Butter extradick aufs Brot streichen – oder auch: sich seit Jahrzehnten fürs Gemeinwohl engagieren. Außerdem: Die Erinnerung an diese Zeit führt uns vor Augen, wie dankbar wir sein sollten für Demokratie und Wohlstand. Es ist gar nicht so lange her, dass wir Deutschen arme Schlucker waren, die auch noch halb Europa ins Elend gestürzt hatten. Dass es uns heute so gut geht, haben wir nicht nur unseren »Leistungen« zu verdanken, sondern maßgeblich der Hilfe aus dem Ausland.

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