20. Juli 2011, 21:25 Uhr

Neues Buch zur Geschichte der Uni-Frauenbeauftragten

Gießen (si). »Seit gestern zwei «halbe» Frauenbeauftragte an der Justus-Liebig-Universität« - das meldete die Gießener Allgemeine Zeitung am 16. Februar 1989 auf ihrer ersten Lokalseite. Es war ein historisches Ereignis, nicht nur für die JLU.
20. Juli 2011, 21:25 Uhr
So begann es: Im Februar 1989 stellte der damalige Universitätspräsident Heinz Bauer die Frauenbeauftragten Marion Oberschelp und Gerda Weigel-Greilich (v.r.) vor. (Foto: AZ)

Denn damit begann die institutionalisierte Frauenförderung an den hessischen Hochschulen. Das Wissenschaftsministerium hatte die Universität Gießen für ein Pilotprojekt ausgewählt - nach langem Zögern und politischen Widerständen, die heute kaum noch nachvollziehbar sind.

Davon und der weiteren Geschichte der Frauenförderungs- und Gleichstellungspolitik an der Justus-Liebig-Universität erzählt ein soeben erschienenes Buch der Historikerin Dr. Irene Häderle: »Projekt Chancengleichheit« heißt die 111 Seiten starke, mit etlichen Bildern versehene Schrift. Häderle arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Büro der JLU-Frauenbeauftragten Marion Oberschelp, die das Buch herausgegeben hat. Entstanden in den vergangenen zwei Jahren, ergänzt es zwei weitere Sammelbände, die sich mit der Geschichte des Frauenstudiums an der Universität Gießen befassen (erschienen 1999 und 2009).

Häderle hat zahlreiche veröffentlichte und auch unveröffentlichte Quellen ausgewertet und eine fundierte, gut verständliche Arbeit verfasst. Sie unterscheidet sechs Phasen und Kapitel, beginnend mit den »schweren Anfängen«, denn es dauerte vier Jahre, zwei Ausschreibungen und viele, zunächst fruchtlose Diskussionen in den Gremien der universitären Selbstverwaltung, bis der damalige Universitätspräsident Prof. Heinz Bauer am 15. Februar die beiden Frauenbeauftragten präsentieren konnte: die wissenschaftliche Angestellte Gerda Weigel-Greilich - bis 2006 im Amt, seither Bürgermeisterin der Stadt Gießen - und die Verwaltungsangestellte Marion Oberschelp, sie ist seit dem Weggang ihren langjährigen Weggefährtin alleinige Frauenbeauftragte.

Häderle spricht von »Pionierarbeit auf allen Ebenen«, die die beiden in den ersten Jahren leisten mussten. Sie waren zunächst nur auf halben Stellen abgeordnet, erst 1991 wurden sie hauptamtlich benannt. Vor allem fehlte damals noch der rechtliche Rahmen für die Arbeit. Ihn brachte erst das Ende Dezember 1993 vom Landtag verabschiedete »Gesetz über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und zum Abbau von Diskriminierungen von Frauen in der öffentlichen Verwaltung in Hessen«. Häderle zeigt, dass auf dieser Grundlage auch die Frauenförderpolitik an der Justus-Liebig-Universität immer mehr an Substanz gewann. Zunächst dominierte dabei noch die »Klientelpolitik«, also die Förderung einzelner Frauen. Etwa zur Jahrtausendwende folge dann der bis heute wirksame Paradigmenwechsel: Frauenförderung läuft seither eher strukturell, etwa wenn Gleichstellung mit finanziellen Anreizen für die Hochschulen verbunden ist (wie beim Professorinnenprogramm von Bund und Ländern).

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich an der Justus-Liebig-Universität der Anteil der Frauen in der Wissenschaft langsam, aber stetig vergrößert. Die Studentinnen haben inzwischen eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die Frauenquote an den Promotionen beträgt 50 Prozent, bei den Habilitationen sinkt der Anteil schon auf 25 Prozent. Bei den Professuren sieht es noch trüber aus. »Trotz der zahlreichen seit 1989 umgesetzten Gleichstellungsmaßnahmen und einiger beachtenswerter Erfolge ist die JLU auch heute noch weit von einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter entfernt«, urteilt Oberschelp in ihrem Vorwort zum Buch.

Die Publikation zeigt auch, welche wichtige Rolle der damalige Universitätspräsident Heinz Bauer bei der Berufung der Frauenbeauftragten Ende der 80er Jahre spielte. Ohne ihn hätte es das Pilotprojekt wohl nicht gegeben. Bauer selbst macht in einem lesenswerten Interview im Anhang deutlich, auf welche Widerstände er damals stieß, und zwar auch bei Frauen. »Es war eine Dekanin, die mich noch in der Tür mit den Worten empfing: »Ach Sie sind derjenige, der hier die Frauen fördern will! Können Sie mir mal sagen, was der Quatsch soll?«

Irene Häderle: Projekt Chancengleichheit. Zur Geschichte der institutionalisierten Frauenförder- und Gleichstellungspolitik an der Justus-Liebig-Universität Gießen 1989 bis 2010. Herausgegeben von Marion Oberschelp. 6 Euro. In allen Buchhandlungen.

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