Stadt Gießen

Neue Post Gießen: Eine 25 Jahre lange Pannengeschichte

Die »neue« Hauptpost am Gießener Bahnhof war schon bei der Einweihung vor 25 Jahren zu groß. Bis heute stehen Teile des Gebäudes leer. Hätte die Alte Post weitergenutzt werden können?
16. November 2018, 14:00 Uhr
Karen Werner
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Ein Viertel der Hauptpost nahe dem Bahnhof steht leer. Schwierig zu vermieten ist insbesondere die Halle, die eigentlich für die Briefsortierung gedacht war. Ein Foto davon schmückt das Werbeschild direkt am Gebäude. (Foto: Schepp)

Unser Hauptpostamt ist zu klein, wir brauchen ein neues Domizil. Seit den 50er Jahren haben die Gießener darüber diskutiert. Jahre hat es gedauert, die Grundstücke gegenüber dem altehrwürdigen Denkmal zu erwerben; die Nähe zum Bahnhof ist wichtig, um Säcke mit Briefen schnell zum Zug zu transportieren. Bei der Einweihung vor 25 Jahren hält sich die Freude dennoch in Grenzen.

Der »Präsident der Direktion Postdienst Frankfurt« muss einräumen, dass das Staatsunternehmen mitten in der umfassendsten Modernisierung seiner Geschichte steckt. Nicht nur fallen in den nächsten 15 Jahren über 20 000 Stellen weg – auch das schmucke 12 000-Quadratmeter-Gebäude wird lediglich zu einem kleinen Teil genutzt werden. Denn die Briefbearbeitung wird bald in eines der neuen »Briefzentren« verlagert; wie sich zeigen wird, nach Langgöns.

Dass die angepeilten Dimensionen nicht mehr passen, hatte sich schon beim Spatenstich 1990 abgezeichnet. Dennoch galt das 75-Millionen-Mark-Vorhaben noch als ein Flaggschiff. Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling höchstpersönlich war angekündigt. Kurzfristig sagte er ab, weil er zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau über die anstehende deutsche Wiedervereinigung verhandelte. An seiner Statt kam immerhin Klaus Zumwinkel mit dem pompösen Titel »Vorsitzender des Vorstandes der Generaldirektion Postdienst«. Er verwies auf täglich 234 000 eingehende Briefsendungen und dankte den rund 1200 beim Gießener Postamt Beschäftigten für ihre Leistungen trotz erschwerter Bedingungen in den vergangenen Jahren.

Bei der Eröffnung drei Jahre später ist die DDR Geschichte, die Post muss sich im europäischen Binnenmarkt behaupten. Die Mitarbeiter haben einen Sommer mit Urlaubssperre und Überstunden hinter sich. Neben dem Umzug haben sie in den engen alten Räumen die Umstellung auf fünfstellige Postleitzahlen bewältigt. Der Siegeszug der elektronischen Kommunikation ist noch kein großes Thema, dräut aber am Horizont. 1984 ist die allererste E-Mail in Deutschland empfangen worden.

Schon zu Jahresbeginn hat die Gießener Allgemeine Zeitung gemeldet: »Keiner weiß genau, wer einzieht. Veränderte Arbeitskonzepte überlagern alte Bauplanung. Auch Zukunft der alten Hauptpost noch völlig ungewiss.« Das schwerfällige Staaatsunternehmen hat unverdrossen gebaut wie einst geplant. Das heißt: Zum einen zu groß. Zum anderen mit Hallen für die elektronische ›Bearbeitung von Briefen und Paketen, die für andere Nutzer kaum geeignet sind.

 

Fast 3000 Quadratmeter ungenutzt

»Es fehlt an Fensterfronten, die tiefen Räume sind in der Mitte zu dunkel«, erklärt Heiner Geißler. Der Stadtverordnete kennt das vierstöckige Gebäude einerseits aus Sicht des Mieters – die hessischen und örtlichen Freien Wähler hatten bis 2015 dort ihre Büros –, andererseits als Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft Imaxx. Jahrelang habe in vielen Bereichen »der blanke Estrich« gelegen. Geißlers Eindruck: Die Post hatte kein großes Interesse an der Vermietung. Das bestätigten Vertreter des Staatlichen Schulamts, das dort sieben Jahre residierte und sich vergeblich um mehr Parkplätze in der größtenteils verwaisten Tiefgarage bemühte.

Was zu einem der großen Pluspunkte führt, die Geißler hervorhebt: »Das Hauptproblem, das wir sonst in der Stadt mit Büroflächen haben, ist hier keines: Es gibt genug Parkplätze.« Es handle sich um ein »cooles Gebäude« in gutem Zustand und »sensationeller Lage«. Das wissen Mieter zu schätzen wie ein Fitnessstudio, eine Krankenkasse und die Hessische Landesbahn. Zeitweise erwog der Landkreis, seine Verwaltung in dem Bau anzusiedeln, entschied sich aber für die Rivers.

2010 verkaufte die Post das Gebäude an die US-Investmentgesellschaft »Lone Star«. Eigentümer ist inzwischen das Unternehmen »Dream Global Advisors Germany GmbH«. Es wirbt um neue Mieter für 2900 der 12 000 Quadratmeter, »sofort verfügbar und teilbar« mit einer großen »Multifunktionsfläche«, bis zu 5,50 Meter hohen Räumen und Lastenaufzügen, die einst für die Fahrräder der Zusteller gedacht waren. Geißler drückt es so aus: Die noch heute leerstehenden Flächen seien »die schwierigsten«, weil sie speziell für die Post gebaut wurden.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Neue-Post-Giessen-Eine-25-Jahre-lange-Pannengeschichte;art71,515485

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