24. Oktober 2019, 22:08 Uhr

Neue Chance für Schulverweigerer

24. Oktober 2019, 22:08 Uhr
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Von Kays Al-Khanak
Der Hauptschulabschluss ist das Fernziel ehemaliger Schulverweigerer in der Jugendwerkstatt. (Archivfoto: Schepp)

Es kann viele Gründe geben, warum ein Jugendlicher nicht mehr zur Schule geht: ständiger Misserfolg, Ängste, Probleme in der Familie. »Es ist ganz selten, dass jemand wirklich keine Lust hat, den Unterricht zu besuchen«, sagt Astrid Eibelshäuser, Bildungsdezernentin der Stadt Gießen. Diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen zwölf und 26 Jahren schulische und berufliche Perspektiven zu geben, ist Ziel des Programms »Jugend stärken im Quartier«.

Das über den Europäischen Sozialfonds geförderte Bundesprogramm geht in die zweite Phase und läuft bis Mitte 2022. Bereits zwischen 2015 und Ende 2018 sei es erfolgreich umgesetzt worden, sagt Sabine Jörren. Sie ist als pädagogische Leiterin des Schulverwaltungsamtes mit im Boot. Beteiligt ist außerdem die Jugendwerkstatt Gießen. Die Teilnahme daran ist geknüpft ans Städtebauprogramm »Soziale Stadt« und umfasst drei Gebiete - Flussstraßenviertel, Eulenkopf und nördliche Weststadt-, ist aber offen für die gesamte Stadt. »Es geht nicht nur um Wohnungsbau und die Gestaltung des Umfelds, sondern auch darum, Perspektiven schaffen«, sagt Eibelshäuser. Zwei Zielgruppen stehen dabei im Fokus: Jugendliche, die regelmäßig in der Schule fehlen, sowie Jugendliche und junge Erwachsene bis 26 Jahren, die nicht mehr schulpflichtig sind, aber keine berufliche Perspektive haben.

Strafen lösen keine Probleme

Wenn jemand immer wieder im Unterricht fehlt, wird die Schule in der Regel aktiv: Eltern- und Schülergespräche über Mahnungen bis hin zum Ordnungswidrigkeitsverfahren. »Diese Instrumente lösen das Problem aber nicht unbedingt«, sagt Frank Unger von der »Gießen@Schule« gGmbH, bei der 13 Schulsozialarbeiter angestellt sind. Elke Hopf, pädagogische Mitarbeiterin der Jugendwerkstatt, betont: »Wir kümmern uns um Schüler, bei denen bereits alles Mögliche versucht worden ist. Wir kommen ins Spiel, wenn nichts davon geholfen hat.«

Am Anfang, erzählt Hopf, stehe immer ein Beratungsgespräch. Danach entscheide sich, welche Angebote ein Schüler wahrnehmen könne - sei es eine Mitarbeit in den Bereichen Bauen, Küche, Metall, Holz oder in der Fahrradwerkstatt und im Kaufhaus. »Manche kommen einige Wochen zu uns, um dann wieder in die Schule zu gehen«, sagt sie. Andere seien für einzelne Praxistage in der Werkstatt anwesend - und wieder andere für ein ganzes Schuljahr. Sie sind über die Alexander-von-Humboldt-Schule angemeldet, erhalten Zeugnisse und haben die Chance auf einen Hauptschulabschluss. 2019 nahmen vier Schüler diese Möglichkeit wahr.

»Unsere Erfahrung ist, dass es für die Jugendlichen viel einfacher wird, wenn sie den Abschluss geschafft haben«, sagt Hopf. Weil oft Ängste ein Grund sind, durchs Raster zu fallen, gibt es außerdem eine psychosoziale Beratung. Hinzu kommen regelmäßige Elterngespräche. »Aber es kann auch sinnvoll sein, statt den Eltern Freunde mit einzubeziehen«, betont Hopf. Schwerer zu erreichen sind die nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. »Da sind wir auf unsere Netzwerke in den Quartieren angewiesen«, sagt Eibelshäuser, »da brauchen wir Mittler, die Brücken bauen«. Zum Beispiel einen Mitarbeiter im Jugendzentrum Holzwurm in der Nordstadt, der einen Jugendlichen an die Hand nimmt und mit ihm zu einem Beratungsgespräch mit der Jugendwerkstatt geht. Hopf betont, es handele sich um einen niedrigschwelligen Kontakt. Es gehe darum, Gespräche zu führen, den Teilnehmer psychosozial zu begleiten, Bewerbungen zu schreiben oder mit zum Arbeitsamt zu gehen.

Dass es sich bei den Schulverweigerern nicht um ein Massenphänomen handelt, zeigen die Zahlen: So stehen für das Programm 30 Plätze pro Jahr zu Verfügung.



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