13. April 2017, 14:00 Uhr

Theater

Netzwerk will mehr Geld für Schauspieler mit Mini-Löhnen

Bühnenschauspieler bekommen oft nicht mehr als den Mindestlohn. Die Gießenerin Ina Ries will helfen, das zu ändern.
13. April 2017, 14:00 Uhr
Nein, das ist nicht Irina Ries beim Öffnen ihrer Gehaltsabrechnung, sondern in einer Szene des Stücks »Hexe Hilary geht an die Oper« am Staatstheater in Wiesbaden. (Foto: Sven-Helge Czichy)

Es ist früher Abend, Irina Ries sitzt in ihrer Wohnküche in der Liebigstraße. Die 34-jährige Gießenerin ist gerade aus Wiesbaden zurückgekommen. Am dortigen Staatstheater spielt sie die weibliche Hauptrolle in »Lohengrin: Unterwegs mit Schwan!«. Ries mimt die Königstochter Elsa, die von Herzog und Kaiser gefangengehalten wird, damit sie das Erbe ihres Vaters nicht antreten kann. Das Stück handelt vom Erwachsenwerden, davon, sinnlose Regeln zu überprüfen, vielleicht über Bord zu werfen und mit veralteten Traditionen zu brechen. Genau das versucht Ries derzeit auch im wirklichen Leben.

Während Hollywoodstars Millionen verdienen, haben deutsche Schauspieler – wenn sie nicht gerade zur ersten Riege gehören – oft Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Besonders die Schauspielerei am Theater ist nicht selten brotlose Kunst. Die Mindestgage für fest engagierte Schauspieler liegt bei 1850 Euro brutto. »Ich habe ein vierjähriges Studium absolviert und ein Diplom in der Tasche. 1850 Euro sind skandalös wenig«, findet Ries. Vor allem, weil die Summe nicht als Einstiegsgehalt behandelt, sondern auch Schauspielern mit vielen Jahren Berufserfahrung angeboten werde. »Es gibt keine tarifliche Einstufung, wonach das Gehalt in regelmäßigen Zeitabständen steigt.


Motto oft "Friss oder stirb"

Alles ist verhandelbar. Das Problem: Lehnt man ein niedriges Angebot ab, nimmt es jemand anderes an.« Friss oder stirb also. Ries engagiert sich daher in der Gewerkschaft, außerdem hat sie sich dem »ensemble-netzwerk« angeschlossen. Die Vereinigung von Theaterschaffenden kämpft öffentlich für bessere Arbeitsbedingungen an Deutschlands Bühnen – und dabei geht es nicht allein ums Geld.

Ries erzählt, dass zu den vertraglich festgelegten Arbeitszeiten noch viele weitere unbezahlte Stunden hinzu kämen. Durch Text lernen, Zeit in der Maske und Proben in Eigeninitiative komme man schnell auf 60 Stunden die Woche. »Außerdem muss ich mich körperlich und stimmlich fit halten. Das steht in keinem Verhältnis.« Ries fordert daher mehr Zuschüsse für die Theater. Neben den Städten und Kommunen vor allem vom Bund. »Insgesamt investiert die öffentliche Hand pro Jahr zwei Milliarden Euro für Theater und Orchester. Das klingt viel, es sind aber nur 0,2 Prozent der Gesamtausgaben. Und das ist viel zu wenig.«


"Theater muss uns etwas wert sein"

Damit spricht die Gießenerin ein grundlegendes Problem der Theaterbranche an: Die Menschen können sich heute vor Freizeitaktivitäten kaum retten. Neben dem Fernseher bieten Computer und Smartphone Unterhaltung rund um die Uhr. Und wer am Berliner Platz steht, steuert häufig eher das Kinopolis als das Stadttheater an. Laut des amerikanischen Kinoverbands erwirtschafteten die Kinos 2014 weltweit Umsätze in Höhe von 36,4 Milliarden Dollar. 2015 und 2016 dürfte es nicht bedeutend weniger gewesen sein. Und die Theater? Viele können nur überleben, weil sie bezuschusst werden.

Diese Reduzierung der Problematik auf Angebot und Nachfrage hält Ries jedoch für zu kurz gedacht, zumal die Besucherzahlen laut Bühnenverein stabil seien. »Das Theater erfüllt einen Bildungsauftrag. Das muss uns etwas wert sein.« Schauspieler und Orchestermitglieder würden beispielsweise in Schulen gehen und für Kinder und Jugendliche konzipierte Stücke aufführen. »Theater bietet Entschleunigung. Es kann und soll unterhalten. Im besten Fall regt es aber die Besucher zusätzlich an, sich Gedanken zu machen, zu reflektieren, sich mit anderen Menschen auszutauschen.

« Die wirtschaftliche Rolle sei ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Theater böten nicht nur Arbeitsplätze, sondern förderten Tourismus und lockten Menschen an, die auch abseits der Bühnen Geld in der Stadt ließen.


Nebenjobs, um Einkommen aufzubessern

Zum Beispiel in Gießen. »Es ist toll, dass Bürger und Politiker ihr Theater so wertschätzen, insbesondere in Zeiten, in denen in anderen Städten über Theater- und Spartenschließung debattiert wird«, sagt Ries. Auch, dass der Großteil des Etats direkt ins Personal fließe, sei positiv. Doch Ries will nichts schönreden: »Auch Gießen steht für das System.«

Derzeit ist die 34-Jährige als freischaffende Schauspielerin tätig, neben dem Wiesbadener Staatstheater ist sie auch an anderen Theatern zu sehen. Freischaffend heißt in diesem Fall aber nicht frei von Problemen: Im Gegenteil: »Wer keine Festanstellung hat, verdient in Probenzeiten häufig sogar weniger als die 1850 Euro Mindestgage«, sagt Ries. Viele freie Schauspieler würden daher mit Nebenjobs ihr Einkommen aufbessern müssen.


Problem: nicht familienfreundlich

Der Beruf des Schauspielers sei also alles andere als familienfreundlich, betont Ries. »Manch eine Kollegin zahlt 50 Euro Babysitterkosten am Abend, um eine Medea spielen zu können.« Was das für sie persönlich bedeutet? Die Gießenerin muss einen Moment überlegen. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Schauspielerei weiter betreiben kann, wenn Kinder ins Spiel kommen – oder ob ich dann nicht einen weiteren Beruf erlerne.«

Ein großes Vermögen wird Ries also nicht anhäufen können – und einen potenziellen Erben erschweren die Arbeitsbedingungen ebenfalls. Mit ihrer Rolle als Königstochter Elsa hat das wirkliche Leben doch nicht allzu viel gemein.

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