16. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Nebenkosten-Schock Auch Probleme? Hier gibt’s Hilfe

Es gibt wenige Momente im Leben, die einen so frei fühlen lassen wie die erste eigene Wohnung. Was zum Erwachsenwerden leider auch dazu gehört: Rechnungen. Robert Paul (Name geändert) und seine Mitbewohner erhielten kürzlich eine, die ihnen die Sprache verschlug.
16. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Es gibt wenige Momente im Leben, die einen so frei fühlen lassen wie die erste eigene Wohnung. Was zum Erwachsenwerden leider auch dazu gehört: Rechnungen. Robert Paul (Name geändert) und seine Mitbewohner erhielten kürzlich eine, die ihnen die Sprache verschlug.

Von Christoph Hoffmann Robert Paul blickt aus dem Fenster seines Wohnzimmers. Vor ihm zeichnet sich die Silhouette der Weststadt ab. Der 20-Jährige wohnt seit Kurzem selbst in einem der Hochhäuser. Mit seiner alten Wohnung am Rande der Innenstadt kann der Zweckbau nicht mithalten. Trotzdem bereut es der Student, nicht schon viel früher umgezogen zu sein. Paul ist noch immer wütend: »Ich fühle mich verarscht.«
Der Student traute seinen Augen nicht, als er vor einiger Zeit die Betriebskostenabrechnung für 2015 erhielt. 650 Euro sollte er für sein 28 Quadratmeter großes Zimmer und den Anteil an den Gemeinschaftsräumen (zwei Bäder, Küche, Flur) nachzahlen. Seinen sechs Mitbewohnern erging es nicht besser. »Einer musste sogar 850 Euro nachzahlen. Insgesamt waren es rund 5000 Euro.« Veranschlagt waren die Nebenkosten für Pauls Zimmer mit 70 Euro inklusive Strom, zusammen mit der Kaltmiete waren das 330 Euro. »Also schon ein relativ hoher Preis für ein Zimmer. Die Betriebskosten erschienen mir nachvollziehbar.« Der Student macht aber keinen Hehl daraus, dass er sich in diesen Dingen nicht gut auskannte – schließlich war es das erste Mal, dass er eine eigene Wohnung bezog. »Daher habe ich in die Kompetenz der Hausverwaltung vertraut. Das hat sich als Fehler erwiesen.«
In dem Anschreiben der Hausverwaltung wird Paul bereits vorgewarnt. Von einer »nicht unerheblichen Nachzahlung« ist die Rede, die vor allem durch den hohen Stromverbrauch resultiere, in erster Linie beim Duschen, da das Wasser mit einem elektrischen Durchlauferhitzer erwärmt worden sei. Das alleine erkläre aber nicht die horrenden Stromkosten, sagt Stefan Kaisers, der Vorsitzende des Gießener Mietervereins. Ihm kommt die Betriebskostenabrechnung an einigen Stellen komisch vor. »In der Abrechnung gibt es einige Unklarheiten. Die wichtigste Ursache für die hohe Nachzahlung sind die hohen Stromkosten von 363,28 Euro. Die Berechnung und Verteilung ist allerdings unklar. Um es deutlich zu machen: Hier stimmt etwas nicht.« Kaisers rechnet vor, dass die Betriebskosten in Pauls Fall 59 Prozent über dem hessischen Durchschnitt liegen. Zusätzlich sei im Mietvertrag die Klausel zum Verteilerschlüssel unwirksam. Der Vermieter könne den Schlüssel nicht nach Gutdünken ändern. Kaisers Fazit: »Der Student wäre gut beraten, die Abrechnung einem Mietrechtler vorzulegen.«
Was Paul schon weiß: Zu niedrig angesetzte Betriebskosten sind nicht unzulässig. Das hat der Bundesgerichtshof geurteilt. Der Student hat aber den Verdacht, dass die Nebenkosten in seinem Fall absichtlich zu niedrig angesetzt worden sind, um die Wohnung attraktiver zu machen. Kein abwegiger Gedanke, wie Kaisers bestätigt. »Das ist ein Lockmittel, um Mieter zu einem Vertragsabschluss zu bewegen. Leider haben die Richter in Kassel das nicht bedacht.«
Die Hausverwaltung sieht die ganze Angelegenheit ein wenig anders. Dass die Betriebskosten fast 60 Prozent über dem hessischen Durchschnitt liegen, habe den einfachen Grund, dass bei Paul auch die Stromkosten enthalten sind. Ziehe man diese ab, komme man auf einen durchschnittlichen Wert. Paul betont aber, mit der Energie in seinem Zimmer sehr sparsam umgegangen zu sein. Auch in diesem Punkt hat der Sprecher der Hausverwaltung eine Erklärung: »In der gesamten Wohnung gibt es nur einen Stromzähler.« Soll heißen: Paul kann so viel Strom sparen wie er will, wenn sein Zimmernachbar die ganze Nacht Computerspiele zockt, muss auch Paul mehr berappen. »Es ist zwar unüblich, dass so eine große Einheit nicht noch separat abgerechnet wird. Aber das liegt in der Verantwortung des Vermieters – und abgesehen davon war das den Mietern bei Vertragsabschluss bewusst.«
In einem Punkt gibt der Sprecher Paul aber recht: Die Betriebskosten seien von Anfang an viel zu niedrig angesetzt worden. Der Mitarbeiter der Hausverwaltung sieht darin aber keine bewusste Täuschung, um die Wohnung attraktiver zu machen, sondern schlichtweg fachliche Unwissenheit des Eigentümers. Vermutlich habe er gedacht, die Stromkosten würden separat mit dem Energieversorger verrechnet. Zum anderen hätten ihm die Vergleichswerte gefehlt, da in der Wohnung zuvor ein Geschäft untergebracht gewesen sei. Und das verbrauche nunmal weniger Strom als sieben Bewohner mit Fernsehern und Computern in den Zimmern. Details zum Stromverbrauch könne Paul jederzeit in den Belege einsehen.
Das rät Kaisers übrigens allen, die Zweifel an ihrer Betriebskostenabrechnung haben. »Mieter haben da grundsätzlich ein Einsichtsrecht.« Ansonsten haben ihn die Ausführungen der Hausverwaltung nicht wirklich überzeugt. Auch, wenn man den Strom aus der Abrechnung herausrechne, seien die Kosten noch hoch. Und wenn der Eigentümer fachlich unwissend gewesen sei, hätte ihn die Hausverwaltung beraten müssen.
Damit es zu solchen Situationen gar nicht erst kommt, hat Kaisers noch einen Tipp auf Lager: Den Mietvertrag genau lesen und sich am besten schriftlich oder mit einem Zeugen vom Vermieter bestätigen lassen, dass die verbrauchsunabhängigen Betriebskosten kostendeckend in der Vorauszahlung kalkuliert sind. Schließlich gebe es fast immer Vergleichswerte vom Vormieter. Das Problem: »Dazu sind auf angespannten Wohnungsmärkten etliche Vermieter nicht bereit. Wer fragt, bekommt die Wohnung nicht.«
Und Paul? Der stottert die Forderung der Hausverwaltung jetzt monatlich ab – und versucht gleichzeitig, den ein oder anderen Euro zur Seite zu legen. Denn er weiß: Die Nebenkostenabrechnung für 2016 steht noch aus. (Foto: dpa) Wer in Gießen an der Justus-Liebig-Universität oder der Technischen Hochschule Mittelhessen eingeschrieben ist, hat Anrecht auf eine kostenlose Rechtsberatung durch den AStA. Hilfe gibt es auch beim Mieterverein Gießen (www.mieterverein-giessen.de). Wer wissen will, wie man Strom sparen und somit den Geldbeutel schonen kann, kann sich an die Verbraucherzentrale Gießen wenden. Die 30-minütige Energieberatung kostet 5 Euro.

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