23. Februar 2018, 06:00 Uhr

Polit-Aktivist

Nächster Halt Utopia?

Kostenloser Busverkehr für die Massen? Keine Autos im Gießener Anlagenring? Eine Straßenbahn durch die Stadt? Jörg Bergstedt fordert das und noch viel mehr.
23. Februar 2018, 06:00 Uhr

Und plötzlich war da diese Meldung: Die Bundesregierung denke darüber nach, den Bus- und Bahnverkehr kostenlos anzubieten. Wenig später folgte das Dementi, lediglich von »Vorschlägen zur Verbesserung der Luftqualität« sei die Rede gewesen. Doch da war die Debatte längst entfacht. Dabei ist die Idee nicht neu. In Gießen schon gar nicht. Jörg Bergstedt kämpft schon seit Jahren für einen kostenlosen Bus- und Bahnverkehr: Von der Projektwerkstatt Saasen aus, der selbsternannten »Villa Kunterbunt des kreativen Widerstands«, plant der 53-Jährige seine Aktionen. Zum Beispiel das absichtliche Schwarzfahren, wofür er regelmäßig vor Gericht antreten muss. Oder aber die Aktion im Januar 2017, als die Pläne »Autofreie Innenstadt für Gießen« auftauchten. Ein Jahr später ist diese »Verkehrsutopie« aktueller denn je.

 

Änderungen in den Stadtbuslinien

Der Gießener Nahverkehr ist im Wandel. Änderungen der Buslinien 1 und 5 zeichnen sich ab, Verbesserungen bei der 10 hat es bereits gegeben. Eine Expresslinie zwischen Bahnhof und Rathenaustraße ist geplant. Dank der Uni wird es ab April zudem Leih-Fahrräder in der Stadt geben. Alles mit dem Ziel, den Verkehr und die Luftverschmutzung zu reduzieren. Ein kostenloser Nahverkehr gehört jedoch nicht zu den Maßnahmen – auch wenn das die gefälschten Flugblätter suggerierten, die vor einigen Wochen verteilt worden waren. Eine Aktion, die zu Bergstedts Kommunikationsguerilla passen würde. Dazu bekannt hat er sich freilich nicht.

 

Forderung von kostenlosen Leih-Fahrrädern

Der Plan »Autofreie Innenstadt für Gießen« stammt hingegen sicher aus der Hand der Projektwerkstatt. Unter der Überschrift »Unsere Verkehrs-Utopie für Gießen« fordern Bergstedt und seine Mitstreiter unter anderem Straßen, in denen Fahrräder immer Vorrang haben, kostenlose Leih-Räder, eine Renaturierung der Wieseck samt Anlage einer Flaniermeile, den Aufbau von Straßenbahnen, natürlich kostenlosen Bus- und Bahnverkehr sowie schlussendlich die Verbannung aller Autos aus dem Anlagenring.

Auch unmöglich erscheinende Dinge wie die Aufhebung der Apartheid oder das Ende der Pathologisierung von Homosexuellen sind schon durch Aktionen durchgesetzt worden – und das waren dickere Bretter

Jörg Bergstedt

Im Duden wurd Utopie als »undurchführbar erscheinender Plan; Idee ohne reale Grundlage« beschrieben. Doch so unrealistisch findet Bergstedt seine Ziele nicht: »Auch unmöglich erscheinende Dinge wie die Aufhebung der Apartheid oder das Ende der Pathologisierung von Homosexuellen sind schon durch Aktionen durchgesetzt worden – und das waren dickere Bretter.« Beim Nahverkehr könne Gießen eine Vorreiterrolle einnehmen, allerdings müssten die Maßnahmen umgehend eingeleitet werden. »Wenn zum Beispiel das ehemalige US-Depot erschlossen wird, ist das der richtige Zeitpunkt, die vorgeschlagene Regio-Tram-Linie dort anzulegen.«

Die Idee finde ich sehr schön, leider gibt es dafür in Gießen keine politische Mehrheit

Gerda Weigel-Greilich

Doch im Rathaus lösen die Pläne keine allzu großen Begeisterungsstürme aus. Wobei Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich der ein oder andere Vorschlag durchaus gefällt. Zum Beispiel die Fahrradstraßen. »Die Idee finde ich sehr schön, leider gibt es dafür in Gießen keine politische Mehrheit.« Auch für zusätzliche Bahnhaltepunkte spricht sich die Bürgermeisterin aus. Zum Beispiel am Aulweg im Zuge des Ausbaus des RKH-Geländes. Ein Haltepunkt an der Sudetenlandstraße sei ebenfalls wünschenswert. Mit anderen Ideen der Projektwerkstatt kann sich Weigel-Greilich aber weniger anfreunden. Dass die Uni bald Leih-Räder anbietet, freut die Bürgermeisterin, kostenlos sei das aber kaum zu machen. Das gleiche gelte für den Bus- und Bahnverkehr. Der Bau von Straßenbahnen-Linien? Weigel-Greilich winkt ab: »Wer soll das bezahlen?«

 

Ticketeinnahmen des RMV bei 900 Millionen Euro

Ein Satz, der auch häufig in der Debatte über einen kostenlosen ÖPNV fällt. Kein Wunder: Für einen sprunghaften Anstieg von Fahrgästen ist die Infrastruktur nicht ausgelegt. Netze müssten ausgebaut, Flotten verstärkt werden. Gleichzeitig fielen die Ticketeinnahmen weg. Beim RMV, der pro Tag 2,5 Millionen Menschen befördert, sind das 900 Millionen Euro pro Jahr. Geld, das an anderer Stelle refinanziert werden müsste.

Bergstedt hat da schon ein paar Ideen: Kein Geld mehr für die Auto-Infrastruktur, ein Stopp aller Diesel-Subventionen, das Geld aus der Pendlerpauschale in den ÖPNV stecken. »Mit dem flächen- und rohstoffintensiven motorisierten Individualverkehr ist eine Verkehrswende nicht machbar«, sagt der Umweltaktivist. Kurzum: Er will den Deutschen an das Auto. Und das in einem Land, in dem die Autoindustrie mit über 400 Milliarden Euro Umsatz und 820 000 Arbeitnehmern die bedeutendste Branche ist.

 

Das Auto und das Pferd

Vorrangstraßen für Radfahrer sind das eine, aber eine bundesweite Abkehr vom motorisierten Individualverkehr? Völlig utopisch, werden Realisten Bergstedt zurufen. Der ein oder andere verweist aber womöglich auch auf die unerwarteten Wendungen in der Geschichte. Was sagte Kaiser Wilhelm II noch gleich? »Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.«

Info

Die Details des Plans »Autofreie Innenstadt für Gießen«

Forderung bis 2018

Kostenlose Citybikes für kurze Strecken

Optimierung der Fußgängerampeln

Gekennzeichnete Mitfahr-Wartebereiche an den Hauptstraßen aus Gießen heraus

Keine Strafen für Schwarzfahren

Forderung bis 2020

Einrichtung von Fahrradstraßen, auf denen Räder Vorrang haben und Autos nur 20km/h fahren und nicht überholen dürfen. Strecken sollen von allen Seiten in die Innenstadt führen, unter anderem über Fröbelstraße, Asterweg, Schützenstraße und dann auf der halben Breite der Rodheimer Straße.

Nulltarif in Bus und Bahn. Weitere Haltepunkte von und nach Gießen.

Forderung bis 2025

Keine Autos innerhalb des Anlagenrings

Reaktivierung der Lumdatalbahn

Tramlinien. Die erste soll abwechselnd aus Marburg und dem Lumdatal kommend bis zum neuen Haltepunkt in die Nordstadt fahren, die zweite nach Rödgen die Vogelsbergbahn verlassen und über das alte Gleis im US-Depot und dann auf neuen Gleisen auf der Eichgärtenallee verkehren. Beide sollen durch die Innenstadt und zurück zu den Linien an den Übergängen Schiffenberger Tal bzw. Frankfurter Straße führen. Die dritte Tram soll die Vogelsbergbahn bis ins Europaviertel nutzen, die vierte die einstige Linie Wetzlar-Heuchelheim und dann durch eine Verlängerung in die City.

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