03. September 2012, 19:43 Uhr

»Nacht der Kirchenmusik«

Das durchweg rege Publikumsinteresse bei der »Nacht der Kirchenmusik« dürfte selbst hochgesteckte Erwartungen übertroffen haben. Als Höhepunkt zum Jahr der Kirchenmusik veranstaltete das Evangelische Dekanat Gießen in fünf Stadtkirchen anregende Konzerte; das Programm dauerte bis weit nach Mitternacht.
03. September 2012, 19:43 Uhr
Sängerinnen und Sänger der Petruskantorei singen zur »Nacht der Kirchenmusik« einmal am für sie ungewohnten Ort, nämlich in der Bonifatiuskirche.

Zum Auftakt brachte das Blechbläserensemble des Dekanats unter Leitung von Andreas Gramm vor der Johanneskirche leichte unterhaltsame Stücke zu Gehör. Weiter ging es in diesem Gotteshaus mit Johann Sebastian Bachs Kantate »Wir danken dir Gott, wir danken dir«, die Kantor Christoph Koerber zufolge als Auftragswerk zum feierlichen Ratswechsel entstanden ist. In der eröffnenden Sinfonia ergab sich ein farbiges, harmonisches Zusammenspiel zwischen dem Gießener Kammerorchester und der von Ralf Stiewe übernommenen Truhenorgel. Klanglich ruhig, in sanften melodischen Bögen gestaltete die Johanneskantorei unter Koerbers behutsamer Leitung den zweiten Satz. In der Arie »Halleluja, Stärk und Macht« steigerte die elegante Violinuntermalung Nils Schüles die Wirkung. Tenor Daniel Sans sang dynamisch dezent und klar im Ausdruck. Sopranistin Susan Eitrich gefiel in der Arie »Gedenk an uns mit deiner Liebe« mit edler, kristallener Intonation und ebenso transparenter Textdeutung; das Orchester unterstützte sie feinfühlig. Johanna Krell traf in der Altarie sehr schön die jubilierenden Melismen, das Tempo schien genau ausgelotet. Der stimmgewaltig, mit leuchtendem Klangbild dargebotene Choral »Sei Lob und Preis mit Ehren« beschloss die Komposition.

Danach widmete sich die Petruskantorei unter Leitung von Marina Sagorski in der Bonifatiuskirche Abendgebeten und -liedern. Die gefühlvolle, klanglich genau ausgelotete Interpretation der Motette »Ich komme vor dein Angesicht« von Moritz Hauptmann vermittelte ausgiebig besinnliche Stimmung. Für das moderne Stück »Immortal Bach« des Norwegers Knut Nystedt verteilte sich der Chor im Saal, breit aufgefächerte quadrophone Effekte ergaben sich, die der Musik kosmische Weite und kontemplative Tiefe verliehen.

Die facettenreiche Gesangsweise des Chors beeindruckte auch in Edvard Griegs achtstimmiger Motette »Ave, maris stella«. Genau vor Augen halten konnte man sich die ruhige, friedvolle Naturatmosphäre in der Komposition »Aftonen« (Der Abend) des Schweden Hugo Alfvén. Noch stärker zur inneren Sammlung trug am Ende das beschauliche Lied »Der Mond ist aufgegangen« in der Vertonung von Max Reger bei.

Dem imaginären Requiem »Farben des Lichts« von Wilfried Maria Danner für Orgel, Tanz, Lichtdesign, Tonband und Live-Elektronik in der Petruskirche folgten in der Lukaskirche Renaissance- und Barockstücke, die wieder auf traditionelle Pfade zurückführten. Die Lieder »Christe, der du bist Tag und Licht« von Michael Praetorius und »Hinunter ist der Sonnenschein« von Melchior Vulpius etwa zogen in ihrer schlichten, zu Herzen gehenden Art in Bann und fanden in dem Duo Susan Eitrich (Sopran) und Thorsten Bleich (Laute) engagierte Interpreten. Auf der Theorbe entlockte Bleich der Toccata und Passacaglia von Giovanni Kapsberger die intime Stimmung längst vergangener Zeiten.

Die musikalische Bandbreite reichte an diesem Abend bis zur modernen, 1992 zu Papier gebrachten Messe des in Stockholm lebenden US-amerikanischen Komponisten Steve Dobrogosz in der Pankratiuskapelle. Aufhorchen ließ das beschwingte Kyrie mit energischen Höhepunkten. Der Stil bewegte sich zwischen Klassik, Jazz und Sacropop. Unter Leitung von Yoerang Kim-Bachmann sang der Projektchor hingebungsvoll; die Kantorin achtete auf guten rhythmischen Fluss und kontrastreiche dynamische Gestaltung. Marina Sagorski lieferte am Klavier eine tragkräftige Begleitung. Die Gratwanderung zwischen verschiedenen Sprachformen erwies sich als gelungen; vor allem die Momente des Innehaltens berührten. Mittlerweile war es ein Uhr, als die Hörer lang anhaltenden Schlussbeifall spendeten. jou



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos