Stadt Gießen

Nachholbedarf an den Schulen

Im Alltag ist fast alles schon »smart«, die Digitalisierung mit ihrem steten und rasanten Wandel ist längst auch im Berufsleben angekommen. Es hapert allerdings immer noch an den Schulen, weil die allermeisten Schüler mit den neuen Technologien besser umgehen können als ihre Lehrer. Das kam zur Sprache, als Fachleute aus verschiedenem Berufszweigen am Mittwoch auf Einladung der Regionalmanagement GmbH in der Universitätsaula über den Stand der digitalen Bildung in Mittelhessen diskutierten.
10. Mai 2017, 20:48 Uhr
Guido Tamme
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Über die Erfahrungen mit der Digitalisierung des Berufslebens spricht (v. l.) Moderatorin Claudia Wehrle mit Stefan Deibel (Lück-Gruppe), Dr. Max Rempel (Mittelhessisches Druck- und Verlagshaus) und Claudia Coburger-Becker (Regierungspräsidium). (Foto: lo)

Im Alltag ist fast alles schon »smart«, die Digitalisierung mit ihrem steten und rasanten Wandel ist längst auch im Berufsleben angekommen. Es hapert allerdings immer noch an den Schulen, weil die allermeisten Schüler mit den neuen Technologien besser umgehen können als ihre Lehrer. Das kam zur Sprache, als Fachleute aus verschiedenem Berufszweigen am Mittwoch auf Einladung der Regionalmanagement GmbH in der Universitätsaula über den Stand der digitalen Bildung in Mittelhessen diskutierten.

Den Anforderungen der veränderten Lebenswirklichkeit müssten sich auch die Schulen stellen, indem sie die neuen Technologien im Unterricht nutzen, dabei aber auch einen kritischen Umgang mit den digitalen Medien vermitteln. Die Politik müsse dafür sorgen, dass der Aufbau dieser Kompetenzen von der Grundschule bis zur Weiterbildung sichergestellt wird. Das unterstrich Staatssekretär Dr. Manuel Lösel vom hessischen Kultusministerium zu Beginn der Tagung.

In der Ausbildung von Lehrern durch Justus-Liebig-Universität und Studienseminare funktioniert diese Vermittlung der digitalen Kompetenzen schon, aber an den Schulen herrscht offenkundig noch großer Nachholbedarf. Das Ziel, Lehrbücher durch iPads und Tablets zu ersetzen, ist weit entfernt. Das liegt nicht nur daran, dass die Schulen im Hinblick auf Hardware unterschiedlich und oft mit veralteten Rechnern ausgestattet sind. Außerdem gibt es keine Verpflichtung zur Weiterbildung. Der moderne Unterrichtsalltag und damit die Vorbereitung auf die digitale Welt funktionieren deshalb nur überall dort gut, wo Lehrer persönlich interessiert sind und sich als Administrator zusätzliche Arbeit aufbürden.

Ein solcher autodidaktischer Experte ist Tino Zenker, der an der Brüder-Grimm-Schule Kleinlinden tätig ist. Dort gibt es Lehrer, die es für eine Zumutung halten, Zeugnisnoten in eine Excel-Tabelle einzutragen. Enttäuschend findet es Zenker aber auch, wenn Kollegen eine Fortbildung absolvieren, hinterher aber den Koffer mit iPads nicht für ihren Unterricht nutzen.

Dabei habe die Wissensvermittlung per Software große Vorteile, versichert der Pädagoge: »Durch den Wettbewerbscharakter können sich Schüler an ihren Lehrern messen, richtige Antworten bringen sofort ein Lob ein und die Individualisierung ist viel leichter als beim Frontalunterricht im großen Klassenverband.«

Die Stadt Gießen werde ein Medienentwicklungskonzept erarbeiten lassen und festlegen, was in den kommendem Jahren investiert werden muss, merkte Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser dazu an. Sie müsse aber auch feststellen, dass Schulen nach einer Sanierung technisch auf dem neuesten Stand sind, dass dieser dann aber nicht genutzt werde.

Einfacher auch für Journalisten

Von überwiegend guten Erfahrungen im Berufsleben war bei einer von der gut vorbereiteten HR-Redakteurin Claudia Wehrle moderierten Gesprächsrunde zu hören. Bei der heimischen Lück-Gruppe etwa, deren 1000 Mitarbeiter sich bundesweit vor allem um Klima- und Brandmeldeanlagen kümmern, hätten nicht nur junge Leute eine Affinität zu neuen Techniken, unterstrich Stefan Deibel. Auch gestandene Handwerksmeister wüssten genau, dass sie damit die Kunden zufriedenstellen und sich selbst die Arbeit erleichtern. Die übrigen Mitarbeiter würden beim sozialen Lernen in einer firmeneigenen Akademie mit modernen Geräten vertraut gemacht; das sei effektiver als E-Learning.

Für Journalisten sei die Arbeit durch die Digitalisierung einfacher und schneller geworden, speziell beim Zugriff auf Archive und Suchmaschinen, erläuterte Dr. Max Rempel, Geschäftsführer der Mittelhessischen Druck- und Verlagshaus GmbH & Co. KG. Angesichts der Informationsflut umso mehr gefordert seien aber logisches Denken, kritisches Hinterfragen und die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. In der Medienbranche fehle zudem – beklagte Rempel – oft ein wirtschaftliches Grundverständnis, wenn mitunter nicht auf eine vertretbare Relation zwischen Aufwand und Ertrag geachtet werden: »Nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll«.

In diese Kerbe hieb auch Claudia Coburger-Becker vom Regierungspräsidium. Junge Leute könnten zwar rasch Informationen beschaffen, täten sich aber oft schwer mit der zielgerichteten Einordnung. Die Abschaffung der Papierakten sei hausintern keineswegs nur auf Gegenliebe gestoßen, räumte die Gewerberechtexpertin ein. Inzwischen aber würden die elektronischen Akten längst als bequemes und schnelles Werkzeug genutzt. Das sei auch von Vorteil für die Bürger, die ihre Anliegen mit der Behörde online abwickeln können.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Nachholbedarf-an-den-Schulen;art71,253651

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