15. Januar 2019, 18:32 Uhr

Prozess

Nach Bluttat in Gießener Weststadt: Vater äußert sich vor Gericht

Die Bluttat in der Weststadt hatte im Juli Gießen erschüttert: Ein Familienvater hatte versucht, seine vier Kinder und seine Frau zu töten. Nun hat der Prozess vor dem Landgericht begonnen.
15. Januar 2019, 18:32 Uhr
Belagerungszustand in der Weststadt im Juli: Zahlreiche Rettungskräfte und Polizisten sind im Juli des vergangenen Jahres an die Einsatzstelle gekommen. (Foto: Archiv)

Wie stark muss eine Frau sein, wenn sie ihr Leben und das ihrer vier Kinder gegen die Messerstiche ihres Ehemannes wie eine Löwin verteidigt – drei Wochen, nachdem sie ihre Tochter entbunden hat? Wenn sie ein halbes Jahr nach der Tat den Gerichtssaal betritt, sofort zu ihrem Ehemann geht und mit ihren Händen seine umschließt, während er im Rollstuhl zusammengesunken hemmungslos weint? Es sind Momente wie diese, die selbst erfahrene Prozessbeobachter und -beteiligte sprachlos machen. Am Dienstag wurde vor dem Landgericht Gießen das Sicherungsverfahren gegen einen 36-Jährigen eröffnet. Der Syrer hatte am 3. Juli vergangenen Jahres in der Krofdorfer Straße versucht, seine vier Kinder und seine Frau mit einem Messer zu töten und anschließend die Wohnung in Brand gesteckt.

 

Den Säugling geschützt

Laut Staatsanwaltschaft soll der 36-Jährige im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit an jenem Julimorgen um 7.50 Uhr ans Bett seiner Ehefrau getreten sein. Dort schlief diese mit der drei Wochen alten Tochter. Die Ehefrau sagte bei ihrer Aussage, er habe ihr noch um 5 Uhr während des Stillens des Säuglings einen Orangensaft ans Bett gebracht und um 7 Uhr angeboten, dass sie im Bett bleiben könne. Er werde die Jungs für die Kita anziehen. 50 Minuten später, sagte Staatsanwalt Thomas Hauburger, habe der Mann unvermittelt auf die im Bett dösende 31-Jährige eingestochen. Sie habe sich schützend über den Säugling geworfen und gegen ihren Ehemann zur Wehr gesetzt.

Dann soll der 36-Jährige laut Staatsanwaltschaft aus dem Schlafzimmer gegangen sein und im Flur auf den dreijährigen Sohn eingestochen haben. Die Frau sei ins Kinderzimmer geflüchtet, habe das Fenster geöffnet und um Hilfe geschrien. Beim anschließenden Gerangel, bei dem der Ehemann das Fenster wieder geschlossen habe, habe sie ihm das Messer entwinden können. Der 36-Jährige holte laut Hauburger ein weiteres Küchenmesser, schloss die Haustür ab und griff dann die sechs und sieben Jahre alten Söhne an. Mit einem zweiten Schlüssel habe die Frau aus der Wohnung fliehen können, den Säugling im Arm. Dann habe ihr Ehemann die Wohnung in Brand gesteckt und sei aus dem Fenster gesprungen. Bei dem Sturz verletzte er sich so schwer, dass er seitdem halbseitig gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Die Feuerwehr konnte den Brand löschen und die drei Jungen retten.

 

Die Frage nach dem Warum

Über allem steht die Frage nach dem Warum. Rational zu beantworten ist sie nicht. Nachdem Richterin Regine Enders-Kunze nach dem Grund des Angriffs fragte, schwieg der Angeklagte lange. Dann sagte er: »Ich wollte, dass wir unsere Ruhe haben. Ich wollte uns alle töten, damit alle zufrieden leben können. Seitdem wir nach Deutschland gekommen sind, haben wir keine Ruhe, und die Probleme sind größer geworden.«

Dabei waren die Eheleute 2015 mit großen Hoffnungen aus ihrer vom Krieg zerstörten Heimat nach Deutschland gekommen. Die Familie, erzählte der 36-Jährige, sei bei der strapaziösen Reise nach Europa noch enger zusammengerückt. Seine Ehefrau und er hätten auf vieles verzichtet, weil sie ein Ziel gehabt hätten: Ihren Kindern und sich eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass zwei der drei Söhne seit ihrer Geburt krank sind und medikamentös behandelt werden müssen. Drei Mal in der Woche müssten seine Ehefrau und er den beiden Jungs Spritzen geben, betonte der 36-Jährige. Die 31-Jährige sagte später: »Er war immer so gut zu den Kindern und zu mir. Er war immer so ein guter Mensch.«

 

Verfolgungswahn wird größer

Im Februar 2018, erzählte die 31-Jährige vor Gericht, habe sich ihr Ehemann verändert. Der Druck, in Deutschland Fuß zu fassen, der nicht einfache Kontakt mit den Behörden – »er hat sich bemüht«, sagte sie, »aber dann wurde er immer müder«. Ihr Ehemann habe angefangen, Dinge zu erzählen, die nicht stimmten, Dinge zu sehen, die nicht da waren. Unter anderem habe er geglaubt, er werde verfolgt und beobachtet, sein Telefon werde überwacht. In den Decken der Wohnung vermutete er Kameras. Eigentlich sollte er deshalb für eine längere Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. »Ich war erstaunt, als er nach einem Tag wiederkam«, sagte die 31-Jährige.

Das Jugendamt, sagte der Syrer, habe ihn schließlich aufgefordert, sich behandeln zu lassen. Er hätte große Angst gehabt, dass die Behörde ihm ansonsten die drei Söhne und die Tochter wegnehme. »Es war für mich nicht vorstellbar, dass meine Kinder woanders leben«, sagte der 36-Jährige. »Leider Gottes ist es dann so weit gekommen.«

Am Ende des ersten Prozesstages fragte Richterin Enders-Kunze die 31-Jährige, wie sie den Kindern erkläre, warum der eigene Vater ihnen das antun konnte. Die junge Frau überlegte kurz und sagte: »Ich sage ihnen, Papa ist krank.«

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