Stadt Gießen

Musik vom Unterwegssein

Talent allein reicht nicht. Wer selbst Songs schreiben will, braucht eine Geschichte. Für den jungen Singer-Songwriter Cole May aus der Nähe von Weilburg ist das Fernweh Lebensthema. Das Leben als Reise, als Suche nach Horizonterweiterung. Davon handeln seine Songs, die er auch bei seinem Gig im Irish Pub vorgestellt hat.
06. März 2019, 22:04 Uhr
Redaktion
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Cole May spielt sich mit Gitarre und Loop-Station quer durch Indie- und Folk-Bereiche.

Sie kommen aus dem Raum Weilburg, doch der Name Cole May lässt eher an einen Singer-Songwriter aus dem englischsprachigen Raum denken…

Cole May: Ich bin im Herzen ein halber Aussie. Ich habe die australische »Laid-back-Haltung« sehr verinnerlicht und von jedem Land, das ich bereist habe, etwas aufgenommen: Irland, Neuseeland, Australien, Deutschland. In Australien habe ich auf Rottnest Island nahe Perth gearbeitet. Meine Surferfreunde dort haben mich Cole genannt. Für den Zweitnamen May habe ich mich entschieden, weil ich im Mai geboren wurde und es der Zweitname einer Musikerkollegin ist, die mich ermutigt hat, mich als Künstler zu sehen: Laura May Atkins.

Musik scheint für Sie mit Reisen verbunden – einer lebensverändernden Reise nach Australien und einer inneren.

May: Ja, das war auf jeden Fall so. Ich war schon immer sehr musikbegeistert. Ich wollte Musik machen, wusste aber nicht in welche Richtung das gehen sollte. Nach Australien ging ich ohne meine Gitarre, weil ich herausfinden wollte, ob ich auch ohne Musik leben kann. Ich habe dann einen Job auf Rottnest Island gefunden. Dort hatte ich einen Freund namens Timbo. Ich spielte ab und zu auf seiner Gitarre, schrieb etwas und merkte, dass ich plötzlich die Inspiration dazu hatte, Lieder fertig zu schreiben.

Wahrscheinlich weil Sie die entsprechenden Erlebnisse hatten?

May: Darum geht’s. Vor meiner Reise hatte ich nichts, worüber ich schreiben konnte. Ich hatte Melodien und Ideen, doch erst durch meine Reise hatte ich ein Konzept und wusste, worüber ich schreiben konnte, habe wirklich als Musiker gelebt. Ich hatte nun wirklich eine Story, die ich erzählen konnte.

Wie entstehen Ihre Songs? Was möchten Sie mit ihnen ausdrücken?

May: Ich bin eher so ein Stimmungsmensch. Es gibt ja Songwriter, die täglich schreiben, für mich wäre das nichts. Das Reisen, die Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Musikrichtungen wecken meine Kreativität. Anfangs habe ich nur eigene Lieder geschrieben, mittlerweile covere ich gelegentlich Songs – das hilft mir dabei, andere Songstrukturen kennenzulernen. In meinen Texten, vor allem der ersten Single »San Francisco«, geht es um die Sehnsucht nach dem Reisen, dem Unterwegssein.

Welche Begegnungen haben Sie am meisten geprägt?

May: Es ging gar nicht so sehr um eine spezielle Person, eher darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In Irland habe ich die Live-Performance für mich entdeckt. Ich habe in Galway Straßenmusik gemacht, in Pubs gespielt und viele Musiker gesehen, die ausschließlich auf der Straße gespielt haben. In Galway hast du so ungefähr 15 Straßenmusiker nebeneinander, die von morgens bis abends performen. Alle Länder die, ich bereist habe, haben etwas mit mir gemacht: In Australien habe ich meinen eigenen Songstyle und meine Musikrichtung entdeckt, in Irland die Performance. Ich habe angefangen, mit der Loop-Station zu spielen, weil ich das bei anderen Musikern gesehen habe und das auch ausprobieren wollte.

Was hat Sie dazu bewogen, als Solokünstler aufzutreten?

May: Band-Erfahrung habe ich, doch ich schätze es, dass ich die Musik machen kann, die ich wirklich machen will. Nach Australien habe ich versucht, eine Band zu finden. Irland war dann ein Wendepunkt: Ich hab mir gesagt, ich mach jetzt mein eigenes Ding. Ich habe gemerkt, dass ich gar keine Band brauche. Gitarre und Loop-Station genügen, ab und zu spiele ich auch was mit dem E-Piano ein. Mit dem Cajon bekommt meine Musik noch mal eine ganz andere Intensität, untermalt meine Songs und macht die Live-Performance interessanter.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

May: Mein Album »Neverland« erscheint im März, die Single »San Francisco« ist im Februar erschienen. Das Album wurde bei mir zu Hause, in meinem Aufnahmestudio, aufgenommen und in der Rockfabrik Neu-Anspach produziert. Es wird auf allen digitalen Plattformen, meiner Homepage und Amazon erhältlich sein.

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Live-Gig und der Straßenmusik?

May: Beim Live-Gig kann es sein, dass du mehr in die Rolle des Entertainers schlüpfst, du musst die Leute mehr unterhalten und erzielst so mehr Aufmerksamkeit. Es ist eher ein Monolog, während man als Straßenmusiker im Dialog mit den Zuhörern steht. Als Straßenmusiker kämpft man mehr um Aufmerksamkeit und Gespräche enden eher im Smalltalk, der Live-Gig bietet mehr Raum zum tiefgründigen Erzählen. (Foto: pm)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Musik-vom-Unterwegssein;art71,561122

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