08. September 2019, 16:26 Uhr

»Müssen Diskurs zurückerobern«

08. September 2019, 16:26 Uhr
Über die Selbstbestimmung der Frau referieren Kristina Hänel (r.) und die Berliner Ärztin Alicia Baier am Freitag in Gießen. (Foto: csk)

Alicia Baier stammt aus Heidelberg. Studiert hat sie in Berlin. Seit ein paar Tagen hospitiert die Medizinerin in der Praxis der Gießener Ärztin Kristina Hänel, die durch ihren Einsatz gegen den Paragrafen 219a Strafgesetzbuch bekannt geworden ist. Dort wolle sie lernen, was angehenden Ärztinnen und Ärzten an Universitäten nur selten vermittelt werde, erklärte Baier am Freitagabend im Kerkradezimmer der Kongresshalle. Die Information, dass Abtreibungen im Medizinstudium so gut wie gar nicht vorkämen, erregte besonders viel Kopfschütteln während des Vortrags »Selbstbestimmung?«, den Hänel und Baier auf Einladung der Initiative Pro Choice hielten. Es sei »einfach erschreckend, dass ein kleiner Paragraf sogar die gescheite Ausbildung von Ärzten behindert«, meinte eine Zuhörerin.

Raus aus der Tabuzone

Nicht zuletzt deshalb hat Baier 2015 in Berlin die »Medical Students for Choice« gegründet. Wichtiges Ziel der Initiative sei es, »das Thema Schwangerschaftsabbruch aus der Tabuzone zu holen«, betonte sie am Freitag. Hänel hob unter anderem hervor, dass 15 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach wie vor Ausschabungen seien - und damit einer veralteten, von der Weltgesundheitsorganisation nicht empfohlenen Methode folgten. Abbrüche unter Lokalanästhesie seien am sichersten, würden hierzulande aber kaum durchgeführt. Ein großes Problem liege in gesetzlich festgeschriebenen Fristen sowie in der Vorgabe, dass zwischen verpflichtendem Beratungsgespräch und Eingriff weitere Tage vergehen müssten. »Manche Frauen schaffen es nicht rechtzeitig vor der Frist«, sagte Hänel.

Mit Fotos von entfernten Fruchtblasen in der fünften und der achten Schwangerschaftswoche wandte sie sich erneut gegen manche öffentlichen Darstellungen. Einschlägige Internetportale, aber auch einige Medien präsentierten immer wieder Bilder von späteren Stadien, etwa der 14., 16. oder 18 Woche, in denen der Embryo bereits klar zu erkennen sei, so Hänel. Tatsächlich geschähen die meisten Abbrüche in der siebten oder achten Woche. Zu diesem Zeitpunkt sei selbst für Mediziner schwerlich ein Embryo zu erkennen. »Nicht der Realität entsprechende Bilder« übten, etwa wenn sie im Netz kursierten, zusätzlichen Druck auf Patientinnen aus: »Das ist eine bewusste Verletzung der Frauen, eine Traumatisierung.«

Der Paragraf 219a, der »Werbung« für Schwangerschaftsabbrüche verbietet, sei auch in seiner neuen Fassung »nicht geschaffen, um Frauen auf dem Weg zum Schwangerschaftsabbruch zu unterstützen, sondern, um sie zu behindern«. Sie wolle sich deshalb weiter für dessen Abschaffung engagieren und bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Unter der Überschrift »Selbstbestimmung!« forderten Hänel und Baier am Ende ihres Vortrags noch einige konkrete Verbesserungen: Dazu gehörten zertifizierte Weiterbildungen für Ärzte, eine flächendeckende Versorgung ungewollt Schwangerer mit geschulten Medizinern, die universitäre Ausbildung, intensive Forschung und der »Schutz vor Abtreibungsgegnern«.

Bei letzterem Punkt, schloss Hänel explizit »mit etwas Positivem«, sei unlängst »ein Schritt nach vorne« gelungen. Per Erlass ermöglicht es das hessische Innenministerium den Kommunen nun, sogenannte Schutzzonen vor Arztpraxen, Kliniken und Beratungsstellen einzurichten. In Sicht- und Rufweite zu diesen Orten dürfen Frauen, wenn sie sich über einen Abbruch informieren möchten, dann nicht mehr von Abtreibungsgegnern angesprochen werden. Auch Demonstrationen und Kundgebungen sind in solchen geschützten Bereichen verboten.Wie wichtig gerade der öffentliche Kampf sei, unterstrich Hänel noch einmal: »Wir müssen uns den Diskurs zurückerobern!«

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