23. April 2018, 21:37 Uhr

Morgens in die Schule, abends auf den Strich

23. April 2018, 21:37 Uhr
SUE
Via Skype berichtet Sandra Norak von ihrem Martyrium als Loverboy-Opfer. (Foto: sue)

Der Projektor wirft das Bild einer hübschen jungen Frau mit langen blonden Haaren an die Wand. Welch grausame Erfahrungen Sandra Norak gemacht hat, ist der selbstbewusst wirkenden Frau während des Skype-Gesprächs nicht anzusehen. Nach sechs langen Jahren auf dem Strich schafft die heute 28-Jährige vor vier Jahren den harten Ausstieg aus der Szene. Sie kämpft sich zurück ins normale Leben, studiert Jura. Nun will Norak der Öffentlichkeit die Augen öffnen und kritisiert die Legalisierung der Prostitution scharf.

Die engagierte Frau will vor allem verhindern, dass junge Mädchen, so wie sie damals, von »Loverboys« gezwungen werden, auf den Strich zu gehen. Sie berichtet dem Gießener Verein »Alarm! Gegen Sexkauf und Menschenhandel« bei einer Infoveranstaltung von ihren Erfahrungen und motiviert die kleine Gruppe aktiv zu werden. Wie präsent das Thema Zwangsprostitution auch im Kreis ist, macht die zeitgleiche Razzia in der Frankfurter Straße in Gießen deutlich, bei der vier Prostituierte aufgegriffen werden.

»Die Täter und die Opfer von Prostitution leben mitten unter uns«, sind sich Sonja Hartmann und Katharina Appel vom Alarm-Vorstand einig. Um dem Sexkauf in der Region entgegenzutreten, will der Verein Präventionsarbeit leisten. Mit der Veranstaltung zum Thema Loverboys wollen sie vor allem Sozialarbeiter und Lehrer aufrütteln.

»Mit der Loverboy-Methode werden Mädchen gemäß dem Motto ›verliebt, verführt, verkauft‹ zur Prostitution gezwungen«, so Hartmann. »Die Opfer kommen aus allen sozialen Schichten. Die Altersspanne reicht von 11 bis 20 Jahre«, erklärt Hartmann. Immer öfter spielen Chatrooms im Internet bei der Anbahnung eine Rolle. »Die Mädchen sind in der Regel sexuell unerfahren, unsicher und kommen oft aus schwierigen familiären Situationen. Manchmal fallen sie eher indirekt wegen aggressivem Verhalten oder Essstörungen auf«, so Hartmann. Meist haben die Mädchen schon Gewalt oder Grenzverletzungen erfahren.

Loverboys ködern Schülerinnen mit Einfühlsamkeit und Großzügigkeit; so lange bis die Opfer sich verlieben. Stück für Stück isoliert der vermeintliche Liebhaber das Mädchen von seinem sozialen Umfeld, bis es emotional wie auch sexuell komplett von ihm abhängig ist. Irgendwann gibt der Loverboy dann vor, in einer finanziellen Notlage zu sein, aus der sie ihm nur raushelfen kann, wenn sie auf den Strich geht. »Die Mädchen werden sowohl physisch als auch psychisch ausgebeutet und als Person gebrochen«, warnt Norak.

Hartmann ist sich sicher, dass viele der Mädchen und Frauen, die sich im Kreis Gießen prostituieren, über die Loverboy-Methode in die Szene gelangt sind. Laut Zahlen des Bundeskriminalamtes gab es 2016 in Deutschland 363 Loverboy-Ermittlungen; allein in Hessen sind es 22. Die Dunkelziffer ist schwer zu greifen. Bislang gibt es in der Region keinen Fall mit einem deutschen Mädchen. Umso wichtiger sei die Prävention, so Hartmann. »Es wird oft gesagt, die Mädchen seien naiv«, erklärt Norak. Doch so einfach sei es nicht. Die Masche sei so perfide, dass eine Umkehr oft nicht möglich ist.

Um Lehrer und Schüler für die Problematik zu sensibilisieren, will »Alarm!« an den Schulen mit dem Programm »Liebe ohne Zwang« aufklären. Im Workshop werden die Schüler auf eine emotionale Reise eines Opfers mitgenommen und müssen am Ende feststellen, wie schleichend die Übergänge von vermeintlich freier Liebe bis zur totalen Abhängigkeit sind. Norak ermutigt die Gießener Gruppe, auffällige Mädchen anzusprechen und ihnen zuzuhören. Nur so könne verhindert werden, dass sie in die Fänge von Loverboys geraten. »Wichtig ist, dass Mädchen gestärkt werden, ihre Grenzen klar zu setzen«, gibt Norak mit auf den Weg.

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