Stadt Gießen

Mondgrau ist nur die Historie

Auf dem Mond braucht Neil Armstrong im Juli 1969 bekanntlich nur einen kleinen Schritt, um als Pionier Geschichte zu schreiben. Im »Altenclub Eichendorffring« hätte ihm der nicht gereicht. Seine ersten Besucher müssen gut drei Monate später sage und schreibe 28 mondgraue Treppenstufen überwinden, bis tief hinab in den dunklen Keller. Als rund 100 Gäste am Samstagnachmittag das 50-jährige Bestehen des mittlerweile in »Seniorentreff Eichendorffring« umbenannten Ortes feiern, können sie eigentlich beides kaum glauben: dass die Institution fast genauso alt ist wie die Mondladung - und in welcher Umgebung sie lange hauste.
03. November 2019, 17:46 Uhr
Christian Schneebeck
Seniorentreff_Eichendorffri
TV-Sketche spielen (v.l.) Helga Wilsdorf, Gertrud Wahler und Heidi Schnatz.

Auf dem Mond braucht Neil Armstrong im Juli 1969 bekanntlich nur einen kleinen Schritt, um als Pionier Geschichte zu schreiben. Im »Altenclub Eichendorffring« hätte ihm der nicht gereicht. Seine ersten Besucher müssen gut drei Monate später sage und schreibe 28 mondgraue Treppenstufen überwinden, bis tief hinab in den dunklen Keller. Als rund 100 Gäste am Samstagnachmittag das 50-jährige Bestehen des mittlerweile in »Seniorentreff Eichendorffring« umbenannten Ortes feiern, können sie eigentlich beides kaum glauben: dass die Institution fast genauso alt ist wie die Mondladung - und in welcher Umgebung sie lange hauste.

Seit 2011 kocht, spielt und schäkert man nun in einem neuen Gebäude. Am angestammten Platz wartet seitdem ein einladendes und modernes Ambiente auf die etwa 15 Stammgäste. Nach Abriss und Neubau des Hauses in der Senioren-Wohnanlage hat die Wohnbau als Vermieterin den Club eine Etage höher gelegt - ins Erdgeschoss mit 110 Quadratmetern. Idealerweise sollten damit nicht nur physische Barrieren verschwunden sein, sondern Hemmschwellen im Kopf, hoffen Leiterin Gitte Meilinger und ihre Kollegen. Der älteste von sechs Gießener Seniorentreffs sei jedenfalls für alle offen und üblicherweise gut besucht.

Begegnung und Betätigung

Zum runden Geburtstag schauen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Wohnbau-Chef Reinhard Thies vorbei. Die neuen Räume stünden »wie ein Sinnbild für die veränderte Wahrnehmung von älteren Menschen«, meint die Stadtregentin. Etliche Senioren seien heutzutage aktiv, nicht wenige ehrenamtlich engagiert. Der Treff biete ihnen »einen Ort der Begegnung, aber auch der Betätigung«. Derzeit kochen die Mitglieder zweimal pro Woche gemeinsam, dienstags folgt Sitzgymnastik. Zudem gibt es weitere Angebote, von Gedächtnistraining über Gesellschaftsspiele bis zu Basteln und Singen. Ausflüge zählen zum festen Programm, ferner das Sommerfest und jeden zweiten Donnerstag der Basteltreff von Gitte Meilinger.

Am Samstag spielen Heidi Schnatz, Helga Wilsdorf und Gertrud Wahler, alle aus dem Seniorentreff Curtmannstraße, zur Feier des Tages heitere »TV-Sketche« mit selbst gebastelten Holzrahmen. Dazwischen entspinnt sich das Zapping-Chaos aus Wettervorhersagen, Kochrezepten und Erziehungstipps. Das Publikum tobt.

Außerdem liefert »Burggräfin« Hannelore Burggraf einen Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Seniorentreff sowie das Gründungsjahr. 1969 war offenbar richtig was los. Neil Armstrong machte einen gigantischen Sprung für die Menschheit, Willy Brandt schaffte den Sprung ins Kanzleramt und »der Kommissar« Erik Ode jenen auf viele deutsche Mattscheiben. Nur zum Altenclub konnte keiner springen. Allenfalls kraxeln - tief hinab in den dunklen Keller. »Damals waren die Räume feucht, Schimmel breitete sich aus und die Heizung funktionierte auch nicht einwandfrei«, erinnerte Burggraf an schwierigere Zeiten. Doch längst entfaltet sich die freundliche Atmosphäre beim Seniorentreff in einladendem Ambiente. Mondgrau sind höchstens noch Teile der Historie. Wegen der 28 Treppenstufen. Und auch ein bisschen wegen Neil Armstrong. (Foto: csk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Mondgrau-ist-nur-die-Historie;art71,641143

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