10. Oktober 2019, 14:00 Uhr

Fernwärme

Monatlich fünf Cent mehr als 2015

Nach der Preiserhöhung bei der Fernwärme erklären die Stadtwerke ihre Entscheidung und stellen ihre eigene Rechnung auf. Kritik kommt vom Mieterverein.
10. Oktober 2019, 14:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Die SWG haben die Preise in der Vergangenheit nicht nur erhöht, sondern auch gesenkt.

Einigen der rund 12 000 Fernwärme-Kunden der Gießener Stadtwerke dürfte die Kinnlade heruntergefallen sein: Der Energieversorger zieht die Preise zum kommenden Jahr deutlich an. Der neue Verrechnungspreis beläuft sich ab 1. Januar auf 125,82 Euro brutto im Jahr statt bisher 81 Euro. Das entspricht einem Anstieg von über 50 Prozent. Stefan Kaisers, der Vorsitzende des Gießener Mietervereins, nimmt das zum Anlass, generelle Kritik über das Geschäftsgebaren von Fernwärmeversorgern zu äußern.

»Mit seiner monopolistischen Anbieterstruktur nimmt der Fernwärmemarkt auf dem Energiemarkt eine besondere Stellung ein. Lieferanten, die in der Regel zugleich die Betreiber lokaler Fernwärmenetze sind, kommt ein bislang nicht kontrollierter Gestaltungsspielraum zu«, heißt es in der Pressemitteilung. Anders als bei Strom und Gas könne der Verbraucher auf Preiserhöhungen oder Änderungen des Preissystems nicht mit einem Anbieterwechsel reagieren. Das würden in vielen Fällen lange Vertragslaufzeiten von üblicherweise zehn Jahren oder die Pflicht zum Bezug von Fernwärme über einen Anschluss- und Benutzungszwang verhindern.

Kurze Laufzeit bei SWG

»Viele Lieferanten haben in den letzten Jahren die Vertragsbedingungen in laufenden Vertragsverhältnissen entweder einseitig geändert und/oder für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht nachvollziehbare Berechnungsfaktoren und Formeln verwendet. Für vergleichbare Preiskomponenten werden oft unterschiedliche Bezeichnungen verwendet«, kritisiert der Vorsitzende des Mietervereins weiter. Er unterlässt es aber, die Gießener Stadtwerke direkt anzusprechen.

Das liegt womöglich daran, dass zumindest einige Kritikpunkte nicht auf die SWG zutreffen. So hat der heimische Energiedienstleister die Preise nicht in laufenden Vertragsverhältnissen geändert, sondern die Altverträge zunächst gekündigt. Und auch die von Kaisers monierten langen Vertragslaufzeiten gibt es in Gießen nicht. Das betont Pressesprecherin Ina Weller: »Der Vertrag läuft bis zum Ende eines Kalenderjahres und kann mit einer Frist von drei Monaten zum Kalenderjahresende gekündigt werden.«

Auch zum Anstieg des Verrechnungspreises bezieht Weller Stellung. »Die Gründe für die Erhöhung sind in den gestiegenen Kosten zu sehen. Der Verrechnungspreis beinhaltet unsere Kosten für Abrechnung und Zählermanagement. Hier haben wir in den vergangenen 20 Jahren deutliche Kostensteigerungen erleben müssen, die wir bislang auffangen konnten.« Im Gegensatz zum Verrechnungspreis haben die Stadtwerke laut Weller sowohl für die Arbeitspreise als auch für die Leistungspreise im Fernwärmelieferungsvertrag Ökotherm sogenannte Preisänderungsklauseln vereinbart, ebenso festgelegt seien drei mögliche Preisänderungstermine. »In den Klauseln sind als Veränderungsparameter Indizes des Statistischen Bundesamtes vereinbart. Diese werden in die Klauseln eingesetzt und damit dann der jeweils neue Preis errechnet.

Arbeitspreis macht 70 Prozent aus

Während die Verrechnungspreise nun zum ersten Mal seit 20 Jahren erhöht werden, hat es bei den beiden anderen Kategorien häufiger Anpassungen gegeben. Nicht nur nach oben, wohlbemerkt. Anfang 2015 betrug der Arbeitspreis 6,96 Cent pro Kilowattstunde (netto), der Leistungspreis lag bei 21,51 Euro. Seit dem 1. Oktober 2019 liegt der Arbeitspreis bei 6,54 Cent, der Leistungspreis bei 23,14 Euro. »Insgesamt ist in dieser Zeit der Arbeitspreis neun Mal gesunken und hat sich drei Mal erhöht. Der Leistungspreis hat sich 12 Mal erhöht«, teilt die SWG-Sprecherin mit. Weller betont in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Betrachtung der einzelnen Preise die Gesamtsituation nur bedingt widerspiegele. Denn die Kosten für den Arbeitspreis würden etwa 70 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. Ein durchschnittlicher Kunde im Ökotherm-Tarif hätte Anfang 2015 insgesamt 959,08 Euro netto für die Fernwärme bezahlt. Aktuell zahle der gleiche Kunde 927,56 Euro netto. Durch die Erhöhung des Verrechnungspreises zum neuen Jahr werden dann 965,22 Euro fällig.

Somit zahlt ein Fernwärme-Kunde der SWG ab 2020 zwar einen mehr als doppelt so hohen Verrechnungspreis. Im Vergleich zu 2015 sind es aber insgesamt trotzdem nur 5 Cent mehr im Monat. (Foto: ep)



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