12. April 2017, 21:37 Uhr

Miville über die Mindestgage

12. April 2017, 21:37 Uhr
Cathérine Miville

Cathérine Miville, Intendantin des Stadttheaters, beschäftigt sich seit Jahren mit Arbeitsbedingungen an Theatern. »In manchen Punkten hat das ›ensemble-netzwerk‹ recht, es gibt bundesweit Ungerechtigkeiten im Gesamtsystem.« Eine Anhebung der Mindestgage auf 3000 Euro brutto, wie es die Initiative fordere, halte sie aber für überzogen, zumal – selbst wenn diese Mindestgage finanzierbar wäre – das Gagengefüge entsprechend angehoben werden müsste. »Bei der Festlegung der Mindestgage muss darauf geachtet werden, dass finanziell schwache Häuser in Regionen mit angeschlagenen öffentlichen Haushalten nicht ›in existenziell bedrohliche Schieflagen‹ geraten. Wir haben genügend Theaterschließungen, Fusionen sowie Personal- und Spartenabbau erlebt.« Miville bedauert jedoch, dass es auch Häuser gibt, die Mindestgagen zahlen, obwohl sie fairer vergüten könnten. »Die Frage ist: Wie kann man verhindern, dass finanziell schwache Häuser auf der Strecke bleiben und dafür sorgen, dass wirtschaftlich besser gestellte die jungen Kollegen angemessen honorieren?«

Mivilles Vorschlag: Die derzeitige Mindestgage sollte etwas angehoben werden und nur für den Berufseinstieg zur Anwendung kommen. Der NV-Bühne müsste zusätzlich eine – entsprechend höhere – Mindestgage festlegen, die für alle künstlerisch Beschäftigen an Theatern gilt, die professionell ausgebildet sind und mindestens zwei Jahre Erfahrung haben. Zur Umsetzung dieser Ziele müssten zahlreiche Theater finanziell stärker unterstützt werden. Hier seien die Träger gefordert. Aber auch Intendanten stehen in der Verantwortung. »Der Tarifvertrag lässt die Freiheit, auch Anfängern mehr als Mindestgage zu bezahlen.«

Und wie sieht es in Gießen aus? »Bei uns bekommen Anfänger, die ihr erstes Engagement antreten, etwas mehr als Mindestgage und dies nicht erst seit es die Diskussionen gibt. Wir haben sehr gute junge Leute, die schnell Leistungsträger werden, daher können wir ihre Vergütungen stetig anpassen, sodass sie vertretbare Gagen erhalten.« Als es vor einigen Jahren schwierig wurde, Solisten und Assistenten mit den vorhandenen Mitteln entsprechende Gagen anbieten zu können, suchte Miville den Dialog mit der Politik. In zahlreichen Gesprächen mit den politisch Verantwortlichen in Stadt, Kreis und Land hat sie über das hiesige Gagengefüge informiert und darüber, dass die Solisten aller drei Sparten im Vergleich mit anderen Mitarbeitern deutlich schlechter wegkommen. Auch in Fraktionen und Ausschüssen informiert Miville über Arbeitsbedingungen und Fragen der Finanzierung. »Dieser Dialog hatte nicht nur zur Folge, dass unsere Förderung damals angepasst wurde und wir Mehrkosten, die durch Tarifsteigerungen entstehen, nun wieder größtenteils ausgeglichen bekommen«, sagt Miville. Ergänzt durch zahllose Theaterführungen haben diese Treffen auch dazu geführt, dass Abgeordnete aller Fraktionen mehr über Organisation und Struktur des Theaters erfahren haben, sodass sie über diese Themen nicht allein auf Basis schriftlicher Vorlagen entscheiden müssen. Zum Ende der Spielzeit ist ein »Tag mit Abgeordneten und Politikern« zur Vertiefung dieses Dialogs in Planung.

Aber auch in Gießen bestünde bei Arbeitsbedingungen an manchen Stellen eine Schieflage. »Das liegt an unterschiedlichen Tarifverträgen. Da gibt es Handlungsbedarf«, sagt Miville. Insgesamt begrüßt sie die Initiative und den Dialog, der zwischen Netzwerk und Intendanten, aber auch mit Gewerkschaften in Gang gekommen ist. »Diese Themen sind zentral.« Aber auch darüber hinaus sei Bewegung in der Szene, sodass es gar nicht genug Initiativen zum kreativen Austausch über Arbeitsbedingungen, Perspektiven und Visionen zwischen Machern und Ermöglichern geben kann.

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