15. Mai 2017, 20:18 Uhr

Mittler zwischen Uni und Industrie

Der ARD-Mehrteiler über die Berliner »Charité« hat vor einiger Zeit das Fernsehpublikum fasziniert. Nur wenige wissen, dass darin auch der Chemieprofessor August Laubenheimer aus Gießen eine Rolle spielt.
15. Mai 2017, 20:18 Uhr
Avatar_neutral
Von Dagmar Klein

Neben den Lichtgestalten der medizinischen Forschung, denen die kürzlich in der ARD ausgestrahlte Fernsehserie »Charité« ein Denkmal gesetzt hat, taucht auch zweimal ein Vertreter der Farbwerke Höchst auf, gespielt von Holger Kunkel. Dieser schließt mit den Forschern Robert Koch und Emil Behring Verträge ab, damit die neu gefundenen Heilmittel in großen Mengen hergestellt werden können. Der Vertreter der Farbwerke Höchst wird im Film nur Dr. Laubenheimer genannt, aber nicht weiter vorgestellt. Kaum jemand weiß, dass dieser August Laubenheimer aus Gießen stammte und in der Familiengrabstätte auf dem Alten Friedhof beigesetzt wurde.

Vater Ernst August Laubenheimer (1813 bis 1862) war Oberbaurat in Gießen und mit der Bauleitung der Rhein-Weser-Bahn betraut. Wie seine Frau stammte er aus Darmstadt. Auguste geb. Becker (1816 bis 1892) hatte Verwandte in Gießen.

Schüler von Heinrich Will

August Laubenheimer studierte ab 1866 Chemie an der Universität Gießen bei Prof. Heinrich Will, der Schüler und Nachfolger von Justus Liebig war. Er war Mitglied des Corps Teutonia. Nach seiner Promotion 1869 wurde Laubenheimer Assistent Wills, 1873 folgte seine Habilitation und er heiratete die Fabrikantentochter Maria Koch aus Alsfeld. Das Ehepaar bekam zwei Kinder.

Laubenheimer lehrte als außerordentlicher Professor am chemischen Laboratorium und fühlte sich offenbar wohl in der Stadt. Noch 1884 erschien sein Lehrbuch »Grundzüge der organischen Chemie«. Doch einem der drei Gründer der Farbwerke in Höchst gelang es, Laubenheimer dazu zu bewegen, die Forschung zu verlassen und in die Industrie zu gehen. Er war der erste Gelehrte, der diesen Schritt machte. Die Familie zog 1883 nach Höchst.

Bei Höchst war Laubenheimer zunächst in der Farbstoffproduktion tätig, dem Kernbereich der 1863 gegründeten »Actien-Gesellschaft Farbwerke, vormals Meister, Lucius & Brüning«. Bereits zwei Jahre nach seinem Einstieg in die Firma erhielt er 1885 Prokura und war mit allen Patentfragen befasst. 1887 wurde er Mitglied des Vorstands.

Das große Verdienst Laubenheimers war der Ausbau des Arzneimittelbereichs. Auch nach dem Eintritt in die Farbwerke hielt er Kontakt zu den früheren Universitätskollegen, insbesondere nach Berlin, wo die medizinische Forschung zunehmend in den Mittelpunkt rückte. Die bahnbrechenden Entdeckungen der serologisch-immunologischen Behandlung von Infektionskrankheiten brachte Forscher wie Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich zusammen. Mit Koch schloss Laubenheimer 1892 einen Vertrag zur Herstellung des Tuberkulin-Serums ab und gewann auch Behring für eine Kooperation mit den Farbwerken Höchst. Schon 1894 begann die industrielle Herstellung von dessen Diphterie-Serum, das Behring den Beinamen »Retter der Kinder« eintrug. Ab 1895 lehrte Behring an der Marburger Universität, 1901 wurden ihm für seine Entdeckung der erbliche Adelstitel und der erste Nobelpreis für Medizin verliehen.

Laubenheimer wurde das Verhandeln und Taktieren zu viel, er verließ 1903 den Höchst-Vorstand. Im Jahr darauf erlag er einem Herzinfarkt. Sein Wohnhaus war Treffpunkt bedeutender Naturwissenschaftler. »Er gehörte zu den wichtigen Mittlern zwischen Hochschule und Industrie, Forschung und Produktion. Indem er maßgeblichen Forschern die Unterstützung der Wirtschaft verschaffte, trug er zu deren Erfolg bei und ebnete gleichzeitig den Weg zur Entstehung und Erschließung neuer Produktionsbereiche für die pharmazeutische Industrie«, so die Neue Deutsche Biographie online.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos