20. März 2011, 19:10 Uhr

Mit markanter Stimme: Dieter Mann liest Stefan Zweig

Der bekannte Schauspieler aus Berlin zieht im ausverkauften Foyer des Stadttheaters mit der Novelle »24 Stunden aus dem Leben einer Frau« in den Bann.
20. März 2011, 19:10 Uhr
Konzentriert und schnörkellos liest Dieter Mann im Foyer. (Foto: olz)

Wer derzeit durch das Berliner Pergamonmuseum schlendert und sich mit Audioguide im Ohr die hochspannende Sonderausstellung »Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf« anschaut, den entführt Dieter Mann mit seiner sanft schnarrenden Stimme in die exotische Entdeckerwelt des Max von Oppenheim, der vor hundert Jahren im fernen Syrien Sensationsfunde ans Tageslicht förderte. Gestern Vormittag nun konnte jeder, der sich eine Karte für das ausverkaufte Foyer des Stadttheaters gesichert hatte, miterleben, wie ebendieser brillante Vorleser seine Zuhörer mitnahm auf eine Reise in die Seele einer alten Dame, die mit 67 Jahren in Stefan Zweigs wunderbarer Erzählung »24 Stunden aus dem Leben einer Frau« eine ungewöhnliche Beichte ablegt.

27 Jahre lang hat Mrs. C. ihre Erlebnisse mit einem spielsüchtigen jungen Mann für sich behalten, bis es sie nun drängt, das unerhört Geschehene einem ihr unbekannten Mann im Urlaub an der Riviera mitzuteilen - sie will ihrem Herzen endlich Luft machen. »Ich habe ihnen und mir selbst versprochen, alles Tatsächliche mit äußerster Aufrichtigkeit zu erzählen«, sagt sie und beschreibt detailgenau ihren »Wechselschlag der widersinnigen Gefühle«, die sie, mit 40 gerade Witwe geworden, an einem Tag in Monte Carlo intensiv durchlebt. Ein heil- und haltloser Rettungsversuch eines Gestrandeten, dessen Mutter sie hätte sein können. Eigentlich ein handfester Skandal, denn man schreibt das Jahr 1925.

Zwei Stunden lang - für eine Lesung eine ungewöhnlich lange Zeit - zieht Dieter Mann mit seinem ausgefeilten Vortrag in den Bann, setzt jede Betonung, jede Pause an die richtige Stelle, leistet sich höchstens einen minimalen Versprecher, kommt bis zur Pause gänzlich ohne einen Schluck Wasser aus. Kein Zweifel: Dieser Mann mit dem Charakterkopf, der vier Jahrzehnte zum Schauspielensemble des Deutschen Theaters in Berlin zählte und dieses sogar von 1984 bis 1991 leitete, ist ein geübter Vollprofi, der weiß, was und vor allem wie er es sagt. Dabei setzt er dezent seine Hände mit ein, wenn er beispielsweise Anführungsstriche im Text unterstreichen will. Auch lehnt er sich manchmal entspannt zurück, um sich und seinen Zuhörern eine kleine Atempause zu gönnen. Dann wieder steigert er sich zum nächsten sprachlichen Höhepunkt.

Nicht wenige im Publikum schließen die Augen, um Manns Ausführungen mit unverwechselbarer Stimme noch intensiver genießen zu können. Dabei ist ihm jede Exaltiertheit fremd. Seine Art zu lesen, ist so puristisch wie die Dekoration an diesem Sonntagvormittag im oberen Foyer. Ein Stuhl, ein Tisch mit weißer Decke, ein Mikrofon - mehr braucht der 69-jährige Schauspieler für seinen fesselnden Auftritt nicht. Am Ende gar wehrt er bescheiden den ausufernden Beifall ab, wünscht allen noch ohne Umschweife einen schönen Tag. Wer's verpasst hat: Das entsprechende Hörbuch gibt's im Handel. Marion Schwarzmann

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