Stadt Gießen

Mit der Tafel gegen den Hunger

Kartons voller Gemüse türmen sich, stapelweise Paletten mit saurer Sahne blockieren die Wege: In der Gießener Tafel wird jeder Zentimeter genutzt, jede Hand dankend angenommen.
02. Februar 2018, 19:00 Uhr
Valerie Pfitzner
vpf_TafelGießen8_250118

Ganze 25 Jahre Tafel Deutschland. Und schon 13 Jahre Tafel in Gießen. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert in der Ausgabestelle im Leimenkauterweg 59. Zum Beispiel, dass sie bis vor sieben Jahren nicht dort war. Oder dass im Laufe der Jahre zahlreiche Geflüchtete dazugekommen sind. Erst nur vor, inzwischen auch hinter der Theke.

Manches ist aber auch gleich geblieben. Zum Beispiel, dass die Arbeit auch unangenehm sein kann: »Einmal habe ich eine Kiste aus dem Auto gehoben, darin waren verschimmelte Erdbeeren. Die Suppe war überall: In meinen Schuhen, auf meiner Hose«, erinnert sich einer der freiwilligen Helfer. Oder dass es große Kostenpunkte gibt, die kaum jemand sieht. »Alleine, was hier an Einmal-Handschuhen verbraucht wird, glaubt kein Mensch«, sagt Anna Conrad von der Tafel.

Finanzielle Unterstützung wie die Förderung in Höhe von 15 000 Euro, für die Sozialminister Stefan Grüttner am Mittwoch nach Gießen gekommen ist, sind daher immer ein Grund zur Freude für die Mitarbeiter. Und einer, um mal wieder hinzuschauen. Auf das, was die Tafel eigentlich so macht.

Wenn wir Kraft und Zeit haben, müssen wir anderen helfen

Tafel-Mitarbeiter Sharbud

 

Als Sharbud sich die Schürze umbindet, lächelt er. Er freut sich auf seine Schicht hinter der Theke, sortiert gerade Brot. Fließend deutsch spricht der 39-Jährige noch nicht, aber gut genug, um zu erklären, warum ihm die Arbeit Freude macht: »Die Deutschen haben uns Syrern so geholfen. Es ist schön, etwas zurückzugeben.« Die Flucht aus seinem Heimatland ist inzwischen einige Jahre her. Als er nach Gießen kam, stand er noch selbst vor der Theke und brauchte Unterstützung. Dass er nun auf der anderen Seite steht und ehrenamtlich bei der Tafel arbeitet, ist für ihn selbstverständlich: »Wenn wir Zeit und Kraft haben, müssen wir anderen helfen.« Sharbud ist einer von mehr als 300 ehrenamtlichen Helfern, die die Arbeit der Gießener Tafel möglich machen.

 

Seit 2005 in Gießen präsent

 

Die Hartz-IV-Reform war gerade eingeführt worden, als die Diakonie im Jahr 2005 in Gießen einen Tafelladen eröffnete. »Es war der 6. Dezember. Der Nikolaus höchstpersönlich hat die Tafel eingeweiht«, erinnert sich Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks. Anfangs wurden hier an zwei Ausgabetagen 175 Personen mit Lebensmitteln versorgt. Die Geschäftigkeit, die herrscht, während Claes den Sozialminister durch das Gebäude führt, lässt es vermuten: Heute sind mehr Menschen auf die Unterstützung der Tafel angewiesen. Es sind fast 15 mal so viele: 2500 Menschen an der Zahl. »Darunter 800 Kinder unter 14 Jahren«, sagt Conrad.

Eine unter vielen Verschleiserscheinungen der 13 Jahre war der Boden im Gebäude. Die Förderung durch das hessische Sozialministerium machte es möglich, nicht nur den nun zu erneuern, sondern auch Teile der Wände. Zwar musste die Tafel im vergangenen November während der Renovierung zeitweise in ein Zelt umziehen, die Mühe habe sich aber gelohnt, sagt Claes.

Keiner wirkt gestresst

In der Sortierabteilung herrscht am Vormittag Hektik – aber gestresst wirkt keiner. »Es macht Spaß, die Leute zu sehen«, sagt Rose Popp, die Tomaten einräumt. Sie kommt einmal in der Woche. Seit zehn Jahren. Auch ihre Kollegin Gabi Schmalfuss sagt, es sei nicht nur das Gefühl, Bedürftigen zu helfen, warum sie hier freiwillig arbeite: »Es ist auch um Zusammengehörigkeit im Team.« Grüttner ist begeistert von so viel Engagement: »Ihr Einsatz macht unsere Gesellschaft solidarischer und menschlicher.«

Vieles habe sich in den vergangenen 13 Jahren verändert, sagt Anna Conrad. Auf diese Dinge müsse man sich einstellen können. Dabei komme es immer auf die richtige Kommunikation an. Und auf das Miteinander. Das habe sich in 13 Jahren nicht verändert.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Mit-der-Tafel-gegen-den-Hunger;art71,383797

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung