20. August 2019, 21:41 Uhr

Mit Lust an alter Architektur

20. August 2019, 21:41 Uhr
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Von DPA
Die Sanierung des Alten Schlachthofes ist mit einem zweiten Platz des Hessischen Denkmalschutzpreises ausgezeichnet worden. (Foto: Schepp)

Für den respektvollen und vorbildlichen Umgang mit dem Alten Schlachthof als wichtigem Industriedenkmal ist Dr. Wolfgang Lust mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet worden. Die Urkunde für den mit einem Preisgeld von 4500 Euro verbundenen zweiten Platz überreichte Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) am Dienstag auf Schloss Biebrich an den Unternehmer.

Insgesamt wurden Preise im Wert von 32 000 Euro vergeben. Ausgezeichnet wurden Privatpersonen und Organisationen, die eine Leidenschaft teilen: Sie haben mit individuellen Lösungen, handwerklich-technischem Geschick und besonderem Einsatz Denkmäler restauriert oder erforscht. Die Preisträger kommen neben Gießen auch aus den Landkreisen Waldeck-Frankenberg, Darmstadt-Dieburg, dem Vogelsbergkreis, dem Werra-Meißner-Kreis sowie aus Frankfurt, Offenbach am Main und Limburg.

Der erste Preis ging an Achim Karn. Er hat das Wambolt’sche Schloss in Groß-Umstadt vor dem Verfall bewahrt. Der zweite Preis wurde viermal vergeben: für Sanierungen der alten Dorfschule in Herleshausen-Markershausen, des Weinhauses Schultes in Limburg und eines Fachwerkhauses in der Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst. Einen zweiten Platz belegte auch Wolfgang Lust, der bei der Sanierung des Alten Gießener Schlachthofes den Jugendstilcharakter des Industriedenkmals wieder zum Vorschein gebracht und es zum Teil für die Öffentlichkeit geöffnet hat.

»In diesem Jahr war die Qualität der Bewerbungen so großartig, dass es nur erste und zweite Preise gibt und die Hessen Lotto GmbH ihr Preisgeld aufgestockt hat. Das ist eine wunderbare Entwicklung«, lobte die Ministerin. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, betonte: »In Zeiten von Globalisierung und Klimawandel ist die Auszeichnung der Preisträger mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis auch ein Statement für das ressourcenschonende Wieder- und Weiterverwenden historischer Baumaterialien.« »Der Preis soll Engagement belohnen, Leuchtturmobjekte auszeichnen und zukünftige Denkmalinhaber anspornen«, unterstrich Dr. Heinz-Georg Sundermann, Geschäftsführer der Lotto Hessen GmbH.

Sanierung hat Vorbildfunktion

Aus dem Bild des westlichen Lahnufers Gießens ist der 1908 bis 1913 erbaute Alte Schlachthof kaum wegzudenken. Mit seinem markanten Turm und dem großen Schornstein ist er schon von weitem zu erkennen. Als Wolfgang Lust das Industriedenkmal erwarb, lagen die Ziegelwände der Kalthalle hinter Fliesen verborgen und mehrere Anbauten späterer Jahre verstellten den Blick auf den Jugendstilbau.

Unter Verzicht auf mögliche Nutzflächen ließ Lust den Alten Schlachthof wieder freilegen, entfernte die Anbauten und Fliesen, öffnete die ehemalige Kalthalle für die Öffentlichkeit und restaurierte den heute funktionslosen Schornstein. Im Rahmen der aufwändigen Sanierung wurde der Schlachthof so auf seine Originalsubstanz zurückgeführt. Die Klinkerwände wurden restauriert, die Fenster erhalten oder nach historischem Vorbild nachgebaut. In vielen Bereichen konnte die alte Raumstruktur beibehalten werden. Historische Stahl-Tragkonstruktionen und die Originalausstattung zeichnen die Co-Working-Spaces und die Gastronomie in der Maschinenhalle aus. Der prägnante Schornstein wurde in mühevoller Arbeit restauriert und dient als sichtbares Erkennungszeichen der historischen Industriekultur in Gießen.

Die denkmalgerechte Sanierung des Alten Schlachthofes hat Vorbildfunktion, da sie das Gebäude wieder fest im Gießener Stadtbild verankert. Viele Aspekte der neuen Nutzung des Industriedenkmals tragen der früheren Bedeutung des Gebäudes Rechnung. Die Restaurierung des Schornsteins sowie die großflächige Beibehaltung der Raumstruktur und Originalsubstanz sind vorbildlich. Besonders hervorzuheben ist, dass dem Eigentümer die Erhaltung des Ensembles in seiner historischen Kubatur wichtiger war als eine nach maximaler Rendite ausgerichtete Vermarktung.



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