16. Februar 2009, 14:52 Uhr

Mit Humor, Ironie und musikalischem Glanz

Schon die kurze Ouvertüre legt die Gegenpole mit leichtfüßiger Ironie in den zwei Tempi und kontrastierenden Motiven offen: martialisches Kampfesdräuen im Wechsel mit tänzerischer Tändelei.
16. Februar 2009, 14:52 Uhr
Ganz vom Pathos der Liebe ergriffen: Angelica und Medoro (Petra van der Mieden, John Carlo Pierce)

Locker, prägnant und dynamisch fein abgestuft kommt der Einstieg zu einer Oper daher, die den Freunden des heimischen Musentempels einen im besten Sinn unterhaltsamen Abend beschert. »Dramma eroico-comico« ist die treffende Unterbezichnung zu »Orlando Paladino«, einer späten der zahlreichen Opern von Joseph Haydn, von denen die meisten in Vergessenheit geraten sind. Jetzt hat sich hat sich das Stadttheater des 1782 auf Schloss Esterháza uraufgeführten Werkes angenommen. Intendantin Cathérine Miville begrüßte zur Premiere am Samstag vor dem Vorhang ihr »volles Haus« sowie die Hörer und Hörerinnen der Sender hr2-kultur und Deutschland Radio, die den dreistündigen Abend direkt übertrugen. Im Anschluss an die Vorstellung konnte das Erlebnis in einem gut besuchten Publikumsgespräch vertieft werden.

Nicht nur unterhaltsam im heroisch-komischen Spiel mit der Quasi-Determiniertheit der Figuren, sondern auch tiefsinnig im Verweben mit archaisch-mythischen Topoi (Totenreich, Schlaf des Vergessens, Zauberhöhle) ist »Orlando Paladino«. Haydn geht - musikhistorisch gesehen informativ - einen großen Schritt voran. Mozart, den Haydn nach 1790 in Wien kennenlernte, sagte von dem eine Generation älteren Kollegen: »Keiner kann alles: schäkern und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung, und alles gleich gut als Haydn«. Mozart ließ sich übrigens in der bekannten Registerarie des Leporello in »Don Giovanni« (1787) von Haydns »Orlando« musikalisch anregen - von einem witzigen Auftritt Pasquales. Was dem Gießener Cembalisten die Freiheit erlaubt, pointiert Wagners »Walkürenritt« anzustimmen.

Die Handlung der Oper (Libretto: Nunziato Porta nach Ariosts Epos »Orlando furioso«) zu beschreiben erscheint vertrackter als das einfallsreiche Aufrollen des Geschehens in der Bühnenumsetzung - daher nur ein Auszug: Der fränkische Edelmann Orlando ist aufgrund einer unerfüllten Liebe in Raserei verfallen (zugeordnete Musik differenziert dramatisch). Rodomonte ist auf Prügeleien versessen (Musik entsprechend martialisch). Diener Pasquale plagt die Liebe und sein leerer Magen (viel Humor und Komik in der Musik). Das Paar Angelica und Medoro leidet auf unterschiedlichen Wegen an sich selbst (hier gibt es die schönsten melodischen Einfälle zum Pathos zwischen Todessehnsucht und Theatralik der Gefühle). Eurilla bildet schließlich mit Pasquale das Buffo-Paar (leichtfüßig, witzig). Die Zauberin Alcina therapiert und tut Wunder (ihren Künsten sind daher die zauberischen Effekte auch in der Musik vorbehalten. Sie ist es, die das leidende Seria-Paar »heilt« und mit Hilfe Carontes dem Irrsinn Orlandos ein Ende setzt: nach Tiefschlaf weiß der nämlich nichts mehr von keiner Liebe nicht...

Die drei Stunden voller Turbulenzen und Rätsel zu einer bühnenwirksamen, in jedem Sinn kurzweilig bewegten Präsentation gebracht zu haben, gereicht neben den engagiert Mitwirkenden vor allem dem Regieteam und der differenzierten musikalischen Umsetzung zur Ehre.

Regisseurin Julia Riegel hat u. a. bei George Tabori und Thomas Langhoff gelernt und mit Größen wie Loriot in München zusammengearbeitet. Mit viel Gespür ebenso für Hintersinn wie auch für pralle Details geht sie den Stoff mit dosierter Ironie an, mit Verständnis für die Entstehungszeit ebenso wie für das ansprechende Umsetzen ins Heute. Beispiele aus vielen guten Einfällen: Beim Zweikampf im Schattenspiel schwingen Orlando und Rodomonte silbernde Fahnen statt Schwerter: vorn an der Rampe zwei Solo-Trommler - ein toller akustischer Effekt zur optisch fast poetischen Szene. Oder die Einbeziehung des Orchesters, wenn Pasquale dem Mann am Pult (Carlos Spierer) konkrete Konkurrenz macht. Auch sonst gab es viel Szenenapplaus. Dazu trug die perfekte Lichtkunst von Christopher Moos bei. Und Caroline Neven Du Monts zugunsten der Lichtregie sparsames, aber gelungenes Bühnenbild sowie ihre Kostüme mit sinnvollen Anspielungen. Etwas zu gewollt heutig läuft zeitweise per Projektion ein Fantasy-Computerspiel im Hintergrund ab.

Die Musik sprach gut an. Prägnant, dabei differenziert von handlungsbetont bis stimmungsvoll gestaltete Carlos Spierer die Umsetzung und führte das exakt mitgehende kleine Ensemble souverän durch die Partitur der wohl bekanntesten Oper Haydns - vielleicht auch der schönsten: Vieles erinnert bereits an »Die Schöpfung«.

Der nur halb hochgefahrene Orchestergraben erwies sich als für die Sänger günstig. Es wurde deutsch gesungen; der Sprachstil ist auf die Charaktere zugeschnitten, wenn auch der melodische Fluss darunter leidet. Die Diktion war wie meist bei den Männerstimmen besser - allen voran beim Sänger der Titelpartie. Ralf Simon mit seinem lyrischen Tenor erschien als Idealbesetzung des »Helden« und gestaltete die beiden Orlandos auch schauspielerisch fein.

Einen echten Mozart-Sopran hat Petra van der Mieden. Ihre Angelica litt und strahlte wie Pamina aus der »Zauberflöte«. Als ihr Partner, meditierend auf der Suche nach sich selbst, überzeugte der Tenor John Carlo Pierce. Matthias Ludwig gab mit tragendem Bass seinem Rodomonte zwischen fränkischem Ritter und Samurai-Krieger Farbe. Wie auch sonst der Spielort der Fantasie freien Lauf ließ. Ganz neuzeitlich das Buffo-Paar Eurilla (hier nicht Schäferin, sondern in der Wellness-Branche tätig) und Pasquale auf Roller-Skates: Simone Schwark mit heller, flexibler Stimme und der agile August Schram, dem der Pasquale (Tenor) bis hin zur Kastraten-Persiflage auf den Leib geschneidert schien. Beeindruckend bühnenpräsent wie immer - auch als Alcina - die vielseitige Henrietta Hugenholtz. Ein Wiedersehen mit dem Tenor Thomas Stückemann in der kleinen Rolle des Licone. Musikalisch eindrucksvoll in ihrer Schlichtheit die Partie des Caronte (Tomi Wendt).

Eine fantasievolle Produktion mit hohen musikalischen Qualitäten, das bestätigte der lautstarke, mit Zurufen bereicherte Beifall am Schluss. Das gelungene optische Erlebnis würde eine Fernsehaufzeichnung lohnen. Oder selbst live schauen! Olga Lappo-Danilewski

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