24. Mai 2018, 21:46 Uhr

Mit Fünfzigern Horizont erweitern

24. Mai 2018, 21:46 Uhr
Wimpel sind ein wenig aus der Mode gekommen – die Fünfziger-Idee aber nicht. Gerade die neuen Damen-Jahrgänge erlebten in den letzten Jahren viel Zulauf. (Foto: Schepp)

»Ich habe bei meinen Eltern erlebt, wie schön es bei den Fünfzigern ist. Das wollte ich auch. Und meine Erwartungen sind erfüllt worden.« So schildert eine Wieseckerin ihren Weg zum »Sechser-Pasch«, der Damen-Vereinigung 1966/2016. Haben sich die Fünfziger verändert im Vergleich zu früher? Kaum, sagen Mitglieder der jüngeren Jahrgänge bei einer kleinen Rundfrage – und das ist gut so.

Zugegeben, »wir hören andere Musik«, und das macht es schwer, Veranstaltungen der Gesamt-Fünfziger für alle von 50 bis 90 attraktiv zu gestalten. Viele »Baby-Boomer« rocken lieber ab, als beim Silvesterball zum Paartanz anzutreten. »Aber der Grundtenor ist der gleiche«, findet eine 51-Jährige. Stammtische, Grillfeste, Fahrten, Wanderungen bilden das Gerüst der Aktivitäten. Kleinere Interessengruppen treffen sich etwa zum Walken oder zum Kegeln. Welche Angebote ankommen, ist für die Vergnügungsausschüsse nicht leicht abzuschätzen, gerade bei den großen Damen-Vereinigungen.

Doch eigentlich ist es fast einerlei, was man unternimmt – Hauptsache: gemeinsam statt einsam. Eigentlich war keiner der Befragten zuvor wirklich »einsam«. Und doch: Etliche Freundschaften sind eingeschlafen in den Jahren, in denen man mit Beruf und Familie alle Hände voll zu tun hatte. Nun sind die Kinder aus dem Gröbsten heraus, und plötzlich hat man wieder mehr Zeit.

»Wir sind mitten im Leben«, so umschreibt ein 50-Jähriger, warum er sich gerade jetzt gut auf neue Leute einlassen kann. Das empfinden zwar nicht alle so. »Für mich kommen die Fünfziger zehn Jahre zu früh«, seufzt eine vielfältig aktive Berufstätige. Doch eine Altersgenossin gibt zu bedenken: »Wenn man bis zum Ruhestand warten würde, wäre man vielleicht nicht mehr so flexibel.«

Denn Fünfziger werden, das weitet den Horizont. Viele merken erst hier, wie eingeengt ihr Bekanntenkreis zuvor war. »Man bewegt sich sonst weitgehend im eigenen Biotop«, hat eine beobachtet. Für sie »hat es etwas Erfrischendes«, sich nun mit unterschiedlichsten Frauen anzufreunden. Mit und ohne Kinder, Partner/in, Migrationshintergrund. Lehrerin und Schulsekretärin, Verkäufer und Rechtsanwalt, Putzfrau und Ärztin, Handwerker und Ingenieur: Bei den Fünfzigern begegnen sie sich auf Augenhöhe.

Sie stellen fest, welch ein starkes Bindeglied das gemeinsame Alter ist. »Ich finde das faszinierend«, erklärt einer. »Man merkt, dass man ähnlich tickt.« Jüngere könnten mit etlichen Erinnerungen gar nichts mehr anfangen, von der Telefonzelle über Smokie bis zu Daktari. »Unter Arbeitskollegen fühlt man sich manchmal wie der Opa, der vom Krieg erzählt.« Auch was die Aktivitäten betrifft, wird der Horizont weiter. »Ich unternehme mit meinen Fünfzigerinnen Sachen, die ich alleine nie machen würde«, sagt eine 52-Jährige. ZDF-Fernsehgarten? Klang für sie spießig, war dann aber spaßig.

Was einem Altersgenossen gefällt: Jede, jeder darf mitmachen. »Du gehst hin und bist Fünfziger. Du gehörst dazu.« Die Gruppe ist unabhängig von einem Hobby. Und: Sie ist auf lange Zeit angelegt, eine Art zwischenmenschliche Rentenversicherung. »Mit Mitte 60, wenn wir mehr Zeit haben, können wir längere Fahrten unternehmen«, freut sich die eine. Eine andere denkt an schwerere Stunden. »Wir werden einander unterstützen« – zum Beispiel beim Verlust des Partners. Das haben viele bei den Eltern erlebt. Ein kinderloser Gießener möchte »bewusst der Einsamkeit im Seniorenalter vorbeugen«.

»Du gehst hin und gehörst dazu«

Fünfziger werden: Das bedeutet auch ein Bekenntnis zur (Wahl-)Heimatstadt. »Für mich ist das eine Gießener Tradition«, sagt die eingangs erwähnte Wieseckerin. »Meine Tochter weiß jetzt schon, dass sie Fünfzigerin werden will. Ihr Freund staunt, wie aktiv wir sind. Seine Eltern sitzen nur zu Hause, sagt er. Sie wohnen eben nicht in Gießen.«

Kommen die Fünfziger aus der Mode? Im Gegenteil: Sie sind attraktiv in einer Gesellschaft, die unter der Individualisierung leidet. Das belegen die Mitgliederzahlen der letzten Jahre. Ja, es sind die geburtenstärksten Jahrgänge, die jetzt 50 werden. Dennoch ist der Zustrom beachtlich, namentlich bei den Damen mit jeweils 70 bis 100 Mitgliedern. Das Motto zum 150-jährigen Jubiläum kommt nicht von ungefähr: Der Traditionsverein geht »mit Schwung in die Zukunft«.

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