23. Mai 2019, 22:21 Uhr

Mit Einschulung beginnt Stress

23. Mai 2019, 22:21 Uhr
Der siebenjährige Len freut sich auf die Schule. Seine Eltern Sonja und Haiko Schimpf müssen indes unerwartet viel Bürokratieaufwand stemmen. (Foto: Schepp)

»Andere Familien bereiten die Schultüte vor. Bei mir ist Freude noch nicht aufgekommen«, sagt Sonja Schimpf. Ihr Mann Haiko Schimpf schüttelt ungläubig den Kopf, wenn er vom Bürokratieaufwand erzählt, den die Eltern dreier Kinder derzeit stemmen. Denn Sohn Len kommt im Sommer in die Schule. Doch ob der Siebenjährige mit Down-Syndrom am Nachmittag betreut werden kann, steht in den Sternen. Für Familien bedeute die Einschulung einen »Riesenbruch«, der manche Mütter zwinge, ihre Berufstätigkeit einzuschränken oder aufzugeben, erklären Aktive des Arbeitskreises »Übergangsgestaltung« bei einem Pressegespräch. Zwar winken nächstes Jahr Erleichterungen, doch das reiche nicht aus.

»Wie sollen wir das schaffen?«

»Eigentlich sind wir gar nicht zuständig«, wissen Martina Ertel von der Lebenshilfe und Mechthild von Niebelschütz vom Sozialdienst katholischer Frauen. Der vor drei Jahren gegründete Arbeitskreis kümmerte sich zunächst um andere Aspekte des Übergangs vom Kindergarten in die Schule bei besonderem Förderbedarf. Doch die Betreuungslücken rückten in den Vordergrund: Kleinkinder mit Handicap und ihre Familien werden in Kitas und von der Lebenshilfe-Frühförderstelle verlässlich begleitet und unterstützt. Mit der Einschulung fällt das weg. Den Betroffenen selbst fehle Zeit und Kraft, begründet Niebelschütz ihr Engagement.

»Alleingelassen« fühlt sich Sonja Schimpf von den Behörden. Überhaupt zu erfahren, welchen Antrag sie wo stellen und was im Arzt-Attest stehen muss, sei ungeheuer aufwendig. Bei jeder Stelle werde sie behandelt, »als wären wir die ersten mit diesem Problem«. Dabei sind schätzungsweise rund 90 Kinder jährlich in Stadt und Kreis betroffen.

Len soll eine Regelschule samt Ganztagsbetreuung besuchen. Ein Teilhabeassistent steht dem Jungen nur für den Unterricht zu - für den Nachmittag müsste das Sozialamt ihn extra bewilligen. Diese Hilfe gilt als »einkommensabhängig«. In Gießen werde sie »fast immer« abgelehnt, sagt von Niebelschütz; andere Kreise nutzten »Schlupflöcher«. Organisieren müssen die Schimpfs auch Lens Transport zur Schule. Für Dr. Eleonore Föller-Gaudier vom Gesundheitsamt steckt dahinter ein grundsätzliches Problem: »Die inklusive Beschulung ist beschlossen worden, ohne dass der Rahmen dafür geschaffen wurde.«

Petra Schmidts Tochter wird nächstes Jahr wahrscheinlich in eine Förderschule wechseln. Doch selbst in einer sogenannten »Ganztagsschule« endet die Betreuung mehrmals in der Woche um 13 Uhr, die Ferien sind ebenso wenig abgedeckt wie der frühere Morgen. »Es ist mir ein Rätsel, wie wir das schaffen sollen«, erklärt die Buseckerin. Gemeinsamer Urlaub rücke in weite Ferne.

Dass die Probleme über die Schulzeit hinweg anhalten, ja teilweise noch wachsen, berichtet Christin Kellmann. Die Erzieherin lebt allein mit ihrem zwölfjährigen Sohn, der die Martin-Buber-Schule besucht. Dank Unterstützung etwa durch ihre Chefin und das Schulbusunternehmen hangelt sie sich durch den Alltag und bedauert, dass ihr Sohn wenig Freizeitkontakt zu Gleichaltrigen hat.

Eltern reiben sich auf, müssen als Bittsteller auftreten, werden unausgesprochen aus dem Arbeitsleben gedrängt - dabei gehe es schlicht um »gleiches Recht für alle«, betont Ertel. Niebelschütz ergänzt: »Die Gesellschaft muss Wege finden.« Der Arbeitskreis spreche sämtliche politische Ebenen an, erhalte bisher aber ausweichende Antworten.

Eltern müssten »den Mund aufmachen«, so Martina Ertels Appell. Um dies gemeinsam und mit professioneller Unterstützung tun zu können, sollten weitere Betroffene sich melden unter Tel. 06 41/20 01 800 (Niebelschütz) oder 06 41/79 79 81 12 (Ertel).

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