01. Januar 2018, 19:41 Uhr

Woodland-Club

Mit Dollars durch die Nacht

Von Disco-Sound bis zu Hip-Hop: Der »Woodland Club« war über Jahrzehnte legendär. US-Soldaten und Gießener ließen es hier krachen – bis die Weltpolitik dazwischen kam.
01. Januar 2018, 19:41 Uhr
Jonas_Wissner
Von Jonas Wissner

Hätte das Militär auf seiner Planung beharrt, dann würde es diesen Text nicht geben. Eigentlich sollte das um 1954 errichtete Gebäude 67 nur für etwa 15 Jahre genutzt und dann wieder dem Erdboden gleich gemacht werden, erzählt Petra Bröckmann. »Aber die Leute wären auf die Barrikaden gegangen, wenn man das dicht gemacht hätte«, sagt die ehemalige Pressesprecherin der US Army in Gießen. Ob wirklich die Furcht vor einem Aufstand den »Woodland Club« vor der Abrissbirne bewahrte? Schwer zu sagen. Fakt ist: Die legendäre Disko blieb noch für Jahrzehnte in Betrieb und lässt jene, die dort einst tanzten, noch immer schwärmen.

 

Günter Helmchen war Stammgast

Das gilt auch für Günter Helmchen, Jahrgang 1957. Wenn er am Wochenende mit seinen Kumpels vom »Atlantis« in Trohe weiter ins »Big Apple« und ins »Queen« zog, war oft auch Stefan Bellof mit dabei, jenes Ausnahme-Rennfahrertalent, das 1985 tödlich verunglückte. Egal wie sehr die Stimmung kochte, um 1 Uhr war überall Schluss. Sperrstunde – außer im »Woodland«, denn dort war das deutsche Gaststättenrecht keinen Penny wert. »Wir wollten ja nicht aufhören zu feiern, also gingen wir ins ›Woodland‹. Die machten, so lange sie wollten – auch mal bis vormittags.«



Andernorts, sagt Helmchen, sei die »Gesichtskontrolle« recht strikt gewesen, nicht so in dieser Disko auf US-amerikanischem Hoheitsgebiet: »Du musstest einen Personalausweis dabei haben und Dollars. D-Mark haben die nicht genommen.« Das nötige US-Kleingeld hat die jugendliche Feiertruppe notfalls bei Taxi-Fahrern gewechselt, denen die vielen US-Soldaten damals gute Geschäfte bescherten. Mit diesen Voraussetzungen und mittels ein paar Brocken Englisch seien sie dann ohne Probleme ins Innere der legendären Soldaten-Disko gelangt.

 

Rote Samtvorhänge mit Bommeln

Noch heute hat Helmchen das Interieur vor Augen: Rechts die Spielautomaten, links der Tanzsaal mit langer Theke, an der hohen Decke prangte eine Disko-Kugel. »Man hat an schönen Tischen in dicken Ohrensesseln gesessen«, sagt das Gießener Urgestein. »Vor der Bühne hingen rote Samtvorhänge mit Bommeln. In einem deutschen Club hätte der Brandschutz das niemals genehmigt.«

Voller Begeisterung erzählt Helmchen in seinem Büro von der Hochzeit des »Woodland« und blickt auf Konzerte zurück. Mit den Jahrzehnten wandelten sich Mode und Musikkultur in den USA. Neue Trends schwappten über den großen Teich nach Europa und wurden im »Woodland« hautnah erlebbar. Die glitzernde Disko-Welt prägte ab den 1970er-Jahren den Club an der Rödgener Straße. Helmchen erinnert sich an ein Gastspiel der »Stylistics« samt Afro-Haarschnitten. Das Vokalensemble stürmte die Charts mit bedächtigen Soul-Arrangements.

 

Militärpolizei sorgt für Ordnung

Es folgten die 1980er, für immer verbunden mit Schulterpolstern, viel Haarspray und mitunter triefenden Rockballaden. Helmchen zückt stolz eine Eintrittskarte für einen Auftritt der Rockband »Chicago«, bekannt für Hits wie »If You Leave Me Now«. Das müsse Ende der 1980er gewesen sein, vermutet er, das Datum ist nicht vermerkt. Der Kalte Krieg wurde immer kälter und war bald Geschichte, während schwere Jungs mit Baseball-Kappen, viel zu großen Jeans und Turnschuhen sprechend und mit heißen Beats Musikgeschichte schrieben: Der Rap war geboren, doch im »Woodland« ließen drei seiner renommiertesten Vertreter lange auf sich warten: »Run-D.M.C. kamen drei Stunden zu spät, haben dann eine gefühlte halbe Stunde ›Motherfucker‹ gebrüllt, waren ein bisschen bekifft, dann gings los«, erzählt Helmchen. Die dreiköpfige Gruppe gehörte zu den Vorreitern des Hip-Hop, wurde unter anderem mit »It’s Like That« weltberühmt. Wenige Jahre nach dem Gießen-Gastspiel in den 1990er-Jahren wurde einer der Rapper auf offener Straße erschossen. Das »Woodland« sei dagegen ein sicheres Pflaster gewesen, sagt Helmchen. Als Deutscher einen Streit anzetteln? Undenkbar! »Wenn da irgendwas ging, wurde nicht lang gefackelt. Dann kam die Militärpolizei rein und hat losgeprügelt. Wir hatten großen Respekt vor denen, erst recht als Deutsche, da ist man nicht blöd aufgefallen.«

 

Musikgrößen auf der Bühne

Heute genügt ein Moment im Internet, um rauszufinden, wer wann wo auf der Bühne steht. Wer wissen wollte, wann die nächsten Hochkaräter im »Woodland« gastieren, war damals auf das Radio angewiesen. »Wir haben AFN Frankfurt über Mittelwelle gehört«, sagt Ex-Stammgast Helmchen. Der bekannte US-Militärsender spielte die neuesten Hits aus Übersee früher als deutsche Radiostationen und verriet auch, wann der nächste Besuch in der Militär-Disko lohnte – im Zweifel jedes Wochenende.



Von James Brown bis Earth, Wind & Fire standen viele Musikgrößen im »Woodland« auf der Bühne. Der Militärführung war daran gelegen, die Truppe fern der Heimat bei Laune zu halten. Sie tat damit auch vielen Gießenern einen Gefallen. Ursprünglich, erzählt Bröckmann, war das »Woodland« ausschließlich unteren militärischen Rängen vorbehalten, doch nach dieser Regelung habe bald »kein Hahn mehr gekräht«. Auch habe sie sich als deutsches »Frollein« unter amerikanischen GIs immer sicher gefühlt. Eintritt, Drinks und Snacks waren für jeden erschwinglich. Wen man auch fragt, die Chicken Wings für vier Dollar werden stets als Highlight genannt.

 

Nach 9/11 kam das Ende

Schritt für Schritt zogen die US-Soldaten aus Gießen ab, um die Jahrtausendwende hatte der »Woodland Club« seinen Zenit überschritten. Doch das Ende kam überraschend plötzlich. »Der 11. September 2001 war das Todesurteil für den Club«, erinnert sich Petra Bröckmann. Weltweit verschärfte das US-Militär die Sicherheitsvorkehrungen drastisch. Mit einem Schlag war es undenkbar geworden, als Deutscher unkompliziert auf Militärgelände zu kommen. Nach den Terroranschlägen von New York wurden Pässe akribisch kontrolliert, Stützpunkte zu Hochsicherheitstrakten aufgerüstet. Ohne einen US-Amerikaner als Bürge sei man als Deutscher nicht mehr in den Club gekommen, blickt Bröckmann zurück. Offiziell war dann 2003 Schluss, die letzten Soldaten kehrten Gießen 2007 den Rücken.

Der Begriff »Woodland« ruft bei vielen Gästen von einst noch immer unvergessliche Erinnerungen hervor. »Wer das nicht erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen«, sagt Ex-Pressesprecherin Bröckmann in nostalgischem Ton. Wo einst wild getanzt wurde, stehen heute Oldtimer, die die Lebenshilfe verlost. Der Abrissbirne ist der legendäre Club bis heute entkommen, doch vom bunten Treiben vergangener Tage keine Spur mehr. Die glitzernde Disko-Kugel ist abgehängt. Die schillernden Erinnerungen bleiben.



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