28. Oktober 2013, 20:08 Uhr

Mit Anbau »Kriegswunde heilen«

Gießen (mö). Wer genau hinschaut, kann sie im Gießener Stadtbild noch erkennen, die Spuren, die der Krieg hinterlassen hat. Die Kreuzung Seltersweg/Goethestraße ist so ein Ort. An der Seite der Adresse Seltersweg 25 ragt eine fensterlose Wand in die Höhe.
28. Oktober 2013, 20:08 Uhr

Hier hatte eine Fliegerbombe am 6. Dezember 1944 die Südseite des Wohn- und Geschäftshauses weggerissen. 70 Jahre nach der Zerstörung Gießens im Zweiten Weltkrieg soll das im Jahr 1900 errichtete Haus wieder komplettiert werden.

Es ist ein Wunschprojekt der gebürtigen Gießenerin Christa Becker, deren Familie das Haus gehört. Ihr Großvater Christoph Croon, der 1907 in Gießen die gleichnamige und bis 1998 bestehende Färberei gründete, hatte nach dem Krieg den Abriss des angeschlagenen Hauses verhindert. Hinter einem Holzverschlag zog er eine Mauer hoch – gegen den Willen der Stadt, die das Gebäude lieber abreißen lassen wollte, um die Straße verbreitern zu können, erzählt die Enkelin. Ende der 90er Jahre, als die Eigentümer eine Innensanierung des Hauses planten, sei die Idee entstanden, das Gebäude wieder zu vervollständigen. Es gehe ihr und ihrer Familie darum, »eine Kriegswunde zu heilen und das alte Gesicht des Hauses wiederherzustellen«, erklärt Becker, die die letzten 34 Jahre in Köln gelebt hat und jetzt nach Gießen zurückgekehrt ist.

Bestärkt worden in der Absicht, das denkmalgeschützte Haus zu komplettieren, sei sie von Geschäftsleuten aus der Nachbarschaft und ihrer Architektin Ute Kramm, die bereits 1999 eine Konzeption erarbeitete. Weniger begeistert sei später Baudezernent Thomas Rausch gewesen, da auf dem Baufeld ein wichtiger Transformator stand, der im Zuge des Umbaus der Fußgängerzone aber versetzt und unterirdisch untergebracht wurde.

Bei Rauschs Nachfolgerin, Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, habe sie mit ihrem Vorhaben dann Gehör gefunden. So sei die Stadt auch bereit gewesen, das benötigte Grundstück an die Bauherrin zu verkaufen. Mittlerweile ist das Vorhaben weit gediehen. Zur Finanzierung des Projekts hat die Familie eine Gesellschaft gegründet, die nach Charlotte Croon, der Mutter von Christa Becker, benannt wurde. Bereits im kommenden Frühjahr sollen nach den Vorstellung der Familie die Arbeiten beginnen. »Wir stehen in den Startlöchern«, sagt die Bauherrin.

Mit Rücksicht auf den in der Gießener Innenstadt feuchten Untergrund wird auf eine Unterkellerung verzichtet. Zudem kann das bestehende Treppenhaus genutzt werden, um den neuen Gebäudeteil zu erschließen. Die nunmehr schon 14 Jahre alte Projektskizze von Architektin Kramm zeigt, dass der Anbau diese zentrale Kreuzung in der Fußgängerzone enorm aufwerten würde. »Das würde den Platz abrunden«, findet auch Becker.

Wegfallen würden allerdings ein Baum und die stark nachgefragten Abstellplätze für Fahrräder. Laut Auskunft aus dem Dezernat der Bürgermeisterin soll auf Kosten der privaten Bauherren Ersatz geschaffen werden – ganz in der Nähe und wohl in größerer Zahl als bisher.

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