31. August 2017, 23:15 Uhr

Hans Söllner im Ulenspiegel

Misstände musikalisch und bayerisch erzählt

31. August 2017, 23:15 Uhr
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Aus der Redaktion
Hans Söllner

Richtig voll ist der Ulenspiegel: keine Tische, keine Stühle, aber jede Menge Leute. Der bayerische Sänger und Komponist Hans Söllner ist mit Band zu Gast, gibt ein Beispiel seiner ganz persönlichen Spielweise und schafft eine besondere Atmosphäre: Söllner, Jahrgang 1955, ist mit vier Begleitern an Schlagzeug, Bass, Keyboards und Gitarre erschienen. Die Band ist erstklassig, wenn man das auch bei dem Dampfhammerbassklang (viel zu viele Mitten drin) und der unklaren Mischung nicht sofort mitbekommt. Die Musiker legen mit einem sanften Reggae-Rhythmus los, wobei Söllner zunächst mal die Massentierhaltung kritisiert und ein paar andere Missstände nennt. Man weiß es nicht so ganz genau, denn wenn man weiter als fünf Meter von der Bühne weg ist, verdecken die andern Zuhörer sein Gesicht – und dann ist’s aus mit dem Verstehen – obwohl das sehr wichtig ist. Söllner spricht nämlich Bayerisch, und zwar nicht die Touristenversion.

Im Gesang findet sich zuweilen ein Mix aus Dialekt und Rap-Elementen, stimmungsmäßig fröhlich und aufmüpfig. Der Reggae-Grundrhythmus läuft durch – was die Zuhörer ausnahmslos in entsprechende Bewegungen versetzt. Darüber praktiziert Söllner einen federleichten Gitarrenstil und singt seine Texte ganz genau im Takt, wenn auch ein großer Bogen geschlagen wird, bis es sich dann doch reimt, es ist eine Mischung aus Vortrag und Song. Die Band verziert das mit herrlichen bayerischen stimmungsgerechten Einfällen, mit oberster Geschlossenheit und großer Detailliebe ausgeführt.

Inhaltlich geht’s um diverse Missstände, schlechtes Essen aus geschundenen Tieren kommt nochmal. Aber auch eine authentische Bluesstimmung ist dabei (»Ein Fluss mit tausend Tränen«), und Söllner singt, »Ich spür die Angst, hab die Hoffnung auf die letzte Chance verloren.« Hier wird Söllner ganz lyrisch, stark in der Stimmung, genau wie bei einem zauberhaften Liebeslied. Die Band trägt den erzählerischen Stil souverän mit. Söllner hat sehr witzige Bilder in den Texten: »Ab und zu scheißt der Gott, und dann haben wir in Bayern einen neuen Innenminister oder in der Türkei gibt’s an neuen Premier«.

Söllners Besonderheit ist die einfallsreiche und handwerklich hochwertige Synthese von Sprache, Gesang und Musik zu einem kurzweiligen Gesamtkunstwerk. Dabei blitzen unter der Dialekttarnung tiefer Humor und große Liebenswürdigkeit auf. Die exzellente Band ergänzt mit bayerischen Klangelementen, teils zum Quietschen komisch. Leider versteht man recht wenig – aber die Richtung und ist glasklar und wohltuend. (Foto: kdw)



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