06. Mai 2014, 21:08 Uhr

Missbrauchsprozess: Trotz Gerüchten war »Ersatzpapa« beliebt

Gießen (sha). Ist der Nachbar pädophil, nur weil er sich so gerne mit fremden Kindern umgibt und immer wieder deren Nähe sucht? Missbraucht dieser »offenherzige« und »freundliche« Mann die Grundschüler womöglich? Davon gehen Polizei und Staatsanwaltschaft aus, weshalb der 62-Jährige sich vor dem Landgericht verantworten muss.
06. Mai 2014, 21:08 Uhr
(Foto: Oliver Schepp)

Hinweise auf strafbares Verhalten gab es schon früh: Eine Lehrerin weist am Elternsprechtag auf die »sexualisierte« Ausdrucksweise dreier Zweitklässler hin, die auch mehrfach den Namen des 62-Jährigen genannt haben sollen. Kurz darauf berichtet ein Mädchen aus diesem Trio, sie sei von dem Mann »vergewaltigt« worden. Außerdem kursiert unter den Kindern im Viertel ein böses Gerücht: »Der K. ist ein Pädo.« Aber: Darf so ein »ungeheuerlicher« Verdacht gestreut, eine Nachbarschaft »zerstört« werden? Viele Eltern aus einem gutbürgerlichen Wohnquartier Gießens hatten in den vergangenen Jahren »unglaubliche Skrupel«, wollten »niemandem Unrecht tun« oder »es nicht wahrhaben«. Nun treffen sie ihren früheren Nachbarn vor Gericht wieder: Dem 62-jährigen K., der seit vergangenem Herbst in Untersuchungshaft sitzt, wird sexueller Missbrauch vorgeworfen.

»Lieber und offener Art erlegen«

Einer 49-Jährigen fällt es schwer, rückblickend in Worte zu fassen, warum sie ihren Kindern den Umgang mit dem Angeklagten über Jahre gestattete. »Sie können mir glauben, das ist für mich das Schlimmste«, schilderte sie der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts am Dienstag. Einer ihrer Söhne gehörte zu den Zweitklässlern, deren Wortwahl einer Lehrerin auffällig erschien. Ihr Ehemann sei jedoch »sofort vehement dagegen« gewesen, K. zu denunzieren. Auch sie habe sich das nicht vorstellen können, betonte die Zeugin. Der Angeklagte habe auch die Eltern immer wieder zu sich eingeladen und in deren Gegenwart ebenfalls den Kontakt zu den Kindern gesucht. »Es ist ein Phänomen, wir sind alle seiner lieben und offenen Art erlegen.« Einen Kinderschänder habe sie sich immer ganz anders vorgestellt - eher »dubios und zurückgezogen«. Es sei »selbstverständlich wie das Amen in der Kirche gewesen, dass alle Kinder bei K. aus- und eingingen«, unterstrich die Frau. Nach der Trennung von ihrem Mann habe sie angenommen, der Nachbar sei ihren Kindern auch eine Art »Ersatzpapa«. Die sexuellen Übergriffe, die ihr Sohn ihr nach mehreren Weinanfällen im vergangenen Sommer schilderte, seien »wie ein Albtraum« gewesen. Auch eine Anwohnerin, die ihren Kindern den Kontakt zu K. verboten hatte, weil der »auffällig oft« mit Minderjährigen zusammen war, beschrieb den verheirateten 62-Jährigen als »sympathisch und gesprächig«.

Ein Vater schilderte, der Angeklagte sei nach dem Vergewaltigungsvorwurf »sehr geschickt in die Offensive gegangen«. K. sei auf ihn zugekommen und habe gesagt, es habe nur »Spielereien« gegeben. Auch seine beiden Töchter – vermutlich ebenfalls von dem 62-Jährigen missbraucht – hätten den Vorwurf als »Quatsch« abgetan und den Angeklagten, bei dem es Süßigkeiten und stundenlanges Fernsehen gab, weiter besucht. Zu den beiden Töchtern dieses Mannes suchte K. auch dann noch den Kontakt, als die Eltern der Mädchen geschieden waren. Die Mutter hatte dem 62-Jährigen Hausverbot erteilt, weil sie sich dessen Einmischung in die Erziehung verbeten hatte. Wenn die Mutter bei der Arbeit war, schilderte der ältere Bruder beider Mädchen der Kammer, habe K. bei ihnen geklingelt, »durch die Fenster gestarrt« oder sei einfach durch die offene Terrassentür hereingekommen. Vergangenes Jahr habe eine seiner Schwestern ihm unter Tränen berichtet, »unten misshandelt« worden zu sein. Der Prozess wird fortgesetzt.

Anklage: 110 Fälle von Kindesmissbrauch

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