11. Oktober 2017, 20:03 Uhr

Missbrauch: Opferfoto sollte Ausnahme bleiben

11. Oktober 2017, 20:03 Uhr
B. Behnen

Wenige Stunden nach der bundesweiten Veröffentlichung des Fotos einer missbrauchten Vierjährigen war der Täter gefasst. Nach diesem Erfolg am Montag fordern manche, die »Öffentlichkeitsfahndung« auszuweiten. Die Expertinnen der Gießener Beratungsstelle Wildwasser sind dagegen. »Es ist für Kinder eine Riesenbelastung, wenn die Umgebung über die Taten Bescheid weiß«, erklären Julia Birnthaler und Barbara Behnen im GAZ-Gespräch.

Öffentlichkeitsfahndungen sind selten – weil der Schutz des Opfers Vorrang hat und die Polizei zunächst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen muss. Gut so, finden die Expertinnen, die beide seit 27 Jahren bei Wildwasser arbeiten. Mit dem Vorgehen der Polizei habe man positive Erfahrungen.

Wildwasser hat mehrmals Kinder aus dem Raum Gießen betreut, die im kleineren Rahmen ähnliche Erfahrungen verkraften mussten. Nicht die ganze Nation, aber doch die Nachbarn, Mitschüler oder Spielkameraden im Kindergarten tuscheln, fragen, gucken. Das Problematische daran sei, »dass viele Menschen das Opfer auf das Opfersein reduzieren«, erläutert Birnthaler. Je älter ein Mädchen ist, desto eher müsse es außerdem mit Spekulationen rechnen, es habe die Tat möglicherweise mit aufreizendem Verhalten herausgefordert.

Zwar fordern Organisationen wie Wildwasser seit Langem, »das Schweigen zu brechen«. Politisch sei das auf jeden Fall nötig. Auch für ein betroffenes Kind und seine Angehörigen dürfe es kein Tabu sein, über die Erlebnisse zu sprechen. Wem man davon erzählt, sollte man aber zuvor gut überlegen, empfehlen die Fachfrauen. Erzieher oder Lehrer beispielsweise müssten nur dann Bescheid wissen, wenn es um den Schutz des Kindes vor dem Täter oder um Verständnis für auffälliges Verhalten geht.

Um so wichtiger sei, dass die Beteiligten Orte haben, an denen sie sich aussprechen und neu orientieren können. Sie bräuchten Unterstützung durch Beratungsstellen, Therapeuten, vielleicht auch nur durch Freunde. Das Umfeld des Kindes sollte ihm »die Möglichkeit geben, wieder in ein normales Leben zurückzufinden, und klar, aber unaufgeregt Partei beziehen«. Auch im späteren Leben gelte es für ein Missbrauchsopfer ein »gutes Maß zu finden zwischen nicht verschweigen und nicht dauernd darüber reden«.

Nicht alle Kinder seien nach Missbrauch traumatisiert. Wer schwerwiegende seelische Folgen erlitten hat, müsse sich damit »eine ganze Weile beschäftigen, weil die ihn sonst im Alltag sehr beeinträchtigen würden«, sagt Behnen. Wenn der Übergriff eher eine »unangenehmes Erfahrung« war wie vielleicht ein schwerer Unfall, dann sollte er angemessenen Raum im Leben erhalten. Ziel: Die Tat wird »zur Erinnerung, die nicht mehr den Alltag bestimmt«.

Die Expertinnen wissen aus Zusammenarbeit mit Schulen, dass die Polizei Bilder von Opfern immer wieder für Ermittlungen einsetzt. Meist geschehe das in kleinem Rahmen, in dem sich die mutmaßliche Region eingrenzen lässt: Lehrer werden gebeten, Fotos durchzugehen. »Wir hoffen, dass es in möglichst vielen Fällen gelingt, dass wache, gut geschulte Erzieherinnen auf betroffene Kinder aufmerksam werden und sie schützen können, ohne dass öffentliche Ermittlungen notwendig werden«, so die Wildwasser-Vertreterinnen. »Wir sind froh, dass inzwischen auch der Besitz von Kinderpornografie unter Strafe steht, sodass die Polizei ein bisschen besser daran arbeiten kann, diesen Sumpf trockenzulegen.« (Fotos: kw)

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