09. April 2010, 20:36 Uhr

Missbrauch: Dekan Mäurer nimmt Stellung

Gießen - Die katholische Kirche befindet sich in einer tiefen Vertrauenskrise. Immer neue Missbrauchsfälle kommen ans Tageslicht. Nicht selten sind es Berichte von Vertuschung und Verniedlichung, von Versuchen, die Opfer mit einem Schweigegelübde zu belegen - statt ihnen zu helfen. Alles, um das Gesicht der Institution Kirche zu wahren. Dies sei der eigentliche Skandal, meinen nicht wenige, Pädophilie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das Vertuschen zulasten der Kinder aber ein katholisches.
09. April 2010, 20:36 Uhr
Dekan Mäurer

Gießen - Die katholische Kirche befindet sich in einer tiefen Vertrauenskrise. Immer neue Missbrauchsfälle kommen ans Tageslicht. Nicht selten sind es Berichte von Vertuschung und Verniedlichung, von Versuchen, die Opfer mit einem Schweigegelübde zu belegen - statt ihnen zu helfen. Alles, um das Gesicht der Institution Kirche zu wahren. Dies sei der eigentliche Skandal, meinen nicht wenige, Pädophilie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das Vertuschen zulasten der Kinder aber ein katholisches.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat jüngst (»Auf ein Wort«/März 2010) Stellung bezogen: »Früher hat es vielleicht, auch durch Unkenntnis und Unterschätzung, eine Verharmlosung oder gar Verniedlichung in einzelnen Fällen gegeben. Von heute aus mag dies als eine Form des unverantwortlichen Umgangs mit solchen Vergehen erscheinen. Heute, wo wir in vielerlei Hinsicht mehr wissen, ist dies in jedem Einzelfall unerlaubt. Es muss ohne Ansehen der Person eine lückenlose Aufklärung erfolgen.«

Schärfere Worte findet der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der katholischen Kirche zur Aufklärung von sexuellem Missbrauch: »Aus unseren Erkenntnissen heraus, die wir nun haben, hat es Vertuschung gegeben. Das müssen wir heute schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust.« Wo kein wirklicher Aufklärungswille vorhanden gewesen sei, »Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist«. Einen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Vergehen sieht er nicht.

Dahingestellt bleiben mag an dieser Stelle die Frage der Verantwortlichkeit innerhalb einer Institution, die streng hierarchisch aufgebaut ist.

Die geschilderte Vertrauenskrise der katholischen Kirche bewegt auch die Christen im Gießener Land. Nicht erst seit den jüngsten Enthüllungen: Im Jahr 2003 wurde vom Amtsgericht Gießen ein heimischer Pfarrer zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der damals 56-jährige Seelsorger hatte Missbrauch an mehreren Messdienern eingeräumt. Das Bistum Mainz entband ihn von seinen pastoralen Aufgaben in der betroffenen heimischen Kirchengemeinde, entschied, dass er keine pastoralen Tätigkeiten mehr aufnehmen darf, die Kontakte zu Jugendlichen umfassen.

Im Lichte der aktuellen Diskussionen hat die »Allgemeine« den katholischen Dekan Januarius Mäurer um ein Interview gebeten. (tb/js)

Frage: Hat es in den vergangenen Wochen aufgrund der aktuellen Situation viele besorgte Anfragen von Christen an die Kirchenleitung gegeben? Sehen Sie sich gar mit Kirchenaustritten konfrontiert?

Mäurer: »In vielen Gesprächen mit Gemeindemitgliedern und in der gesamten Öffentlichkeit herrscht große Betroffenheit. Das Thema macht viele auch sehr ratlos, weil sie sich fragen, wie Menschen einander so etwas antun können. Es mag sein, dass es vermehrt zu Austritten gekommen ist. In den mir überschaubaren Bereich konnte ich es noch nicht feststellen.«

 

Frage: Angenommen, der heimischen Kirchenleitung würde der Verdacht auf Kindesmissbrauch durch einen Seesorger gemeldet: Wie ist grundsätzlich das weitere Verfahren, zunächst was die kirchlichen Ermittlungen angeht? Hat sich dieses in den vergangenen Jahren geändert, ist es verbessert, verschärft worden? Müsste es verschärft werden? Wann setzt die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ein?

Mäurer: »Die Leitlinien der deutschen Bischöfe vom 7. Oktober 2002 geben sehr umfangreich und präzise die Verlaufswege vor. Im Verdachtsfall ist grundsätzlich die Strafverfolgungsbehörde hinzuzuziehen.«

 

Frage: Sind Sie der Meinung, dass in den vergangenen Jahren von den Kirchenverantwortlichen und auch der Öffentlichkeit zu verharmlosend mit dem Thema umgegangen worden ist, konkret: dass vertuscht wurde?

Mäurer: »Ich will niemandem unterstellen, dass etwas vertuscht werden sollte. Ich teile die Aussage unseres Diözanbischofs in seinem Artikel in der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹. Er hat es dort als ›tragisch‹ bezeichnet, dass die Verantwortlichen in der Kirche im eigenen Umfeld in manchen Fällen doch nicht mit der letzten Akribie und Unabhängigkeit lückenlose und unbestechliche Aufklärung betrieben haben.«

 

Frage: Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele sexuell Missbrauchte und ihre Familien die Problematik »mit sich selbst ausmachen«, weil sie Angst haben, in ihrer Kirchengemeinde gemieden zu werden. Wir wirken die Kirchenleitungen solchen Tendenzen heute entgegen?

Mäurer: »So schlimm der ganze Prozess um die Missbrauchsfälle ist, hat er eine neue Aufmerksamkeit wachgerufen. Auch konnte beispielsweise die Ausstellung ›Rosenstraße 76‹ dazu beitragen, wieder eine ›Sprache‹ für dieses Thema von Gewalt und Ohnmacht zu finden.« (Anm. der Redaktion: »Rosenstraße 76« ist eine ökumenische Wanderausstellung zum Thema »Häusliche Gewalt«).

 

Frage: Finden Sie die publizistische Verwertung des Themas »Missbrauch« gerecht und angemessen?

Mäurer: »Ich habe keinen Überblick über die große Fülle der Veröffentlichungen zum Thema Missbrauch. Ich gehe davon aus, dass bei allen aufmerksamen Journalistinnen und Journalisten auch ein großer ›Schock‹ über das Ausmaß entstanden ist. Aus dieser Situation ist Ohnmacht, Zorn und auch ein ›hartes‹ Wort verständlich.«

 

Frage: Hat es außer dem einen bekannten Fall in einer katholischen Kirchengemeinde im Kreis Gießen, bei dem 2003 ein Seelsorger zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist, weitere heimische Missbrauchsfälle gegeben, die bisher nicht öffentlich bekannt geworden sind?

Mäurer: »Mir sind keine Fälle bekannt.«

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