10. Mai 2011, 22:35 Uhr

Migranten fürs Ehrenamt gewinnen - aber wie?

Gießen (kw). Viele Vereine und Gruppen haben Nachwuchssorgen, zugleich wächst der Anteil der Einwanderer in Deutschland. Könnten die nicht die entstehenden Ehrenamts-Lücken füllen? Einfach »einfangen« ließen sie sich nicht: Das sagte die emeritierte Migrationspädagogin Prof. Ursula Boos-Nünning am Dienstag bei einer Fachtagung im Kerkradezimmer der Kongresshalle.
10. Mai 2011, 22:35 Uhr

Die einheimische Gesellschaft dürfe nicht die Anpassung einzelner an traditionelle Vereinsstrukturen erwarten, sondern müsse Migrantenverbänden »auf Augenhöhe« begegnen. Dort seien sehr viele Zuwanderer nämlich längst freiwillig aktiv.

»Mit Lotsen, Paten und Mittlern nach vorne? Zur Bedeutung ehrenamtlichen Engagements im Integrationsprozess« hieß die Veranstaltung, zu der die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ), der Paritätische Hessen sowie der Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf) eingeladen hatten. Rund 50 Interessierte tauschten sich einen Tag lang aus.

Im »Europäischen Jahr des Ehrenamts« gelte es abzuwägen, sagte Mechthild Jansen von der HLZ. Ehrenamt könne Sinnstiftung bedeuten und den Anliegen von Bürgern Gewicht geben. Zugleich wolle der Staat vielleicht manchmal bestimmte Aufgaben auf freiwillige Kräfte abwälzen. Die Tagung - übrigens seit 1994 bereits die 18. , die die Landeszentrale in Gießen veranstaltet - wolle verdeutlichen, was Migranten tun, »um anderen das Ankommen zu erleichtern«. In erfolgreichen Integrationsgeschichten von Zuwanderern gebe es oft einen »Paten«, der wertvolle Unterstützung geleistet hat, etwa eine Lehrerin oder einen Nachbarn.

»Wir brauchen auch das ehrenamtliche Engagement der Eingewanderten, ihrer Kinder und Kindeskinder«, betonte Boos-Nünning in ihrem Vortrag »Integration durch ehrenamtliches Engagement? - Wirklichkeiten, Möglichkeiten, Grenzen«. Das zeigten schon die bloßen Zahlen: Ein Fünftel aller Bürger in Deutschland habe einen »Migrationshintergrund«, in Städten und im Westen der Republik sei der Anteil noch viel höher. In München oder Stuttgart kämen 70 Prozent aller Neugeborenen aus Einwandererfamilien. Diese »multiethnische« Gesellschaft sei angewiesen auf die Teilhabe auch der Zugewanderten, so die ehemalige Präsidentin der Universität Essen. Bisher seien diese aber verhältnismäßig selten in deutschen Vereinen. Stattdessen hätten sich in vielen Bereichen »Parallelstrukturen« gegründet: Es gebe viel ehrenamtlichen Einsatz von Migranten etwa in »eigenen« Sportvereinen, Wohnheimen, bei Unternehmerverbänden oder Privatschulträgern.

Die Gründe dafür suche man gemeinhin in den Personen selbst und bemängle etwa fehlende Deutschkenntnisse oder die Frauenrolle in manchen Kulturen. Man müsse aber auch die hiesigen Institutionen daraufhin abklopfen, ob sie wirklich Offenheit für Zuwanderer zeigen, forderte Boos-Nünning. Wenn ein Verein keine Migranten in Leitungsfunktionen oder unter den Hauptamtlichen habe, dürfe er sich über fehlendes Interesse an ehrenamtlichem Engagement nicht wundern. Oft betrachteten deutsche Organisationen die Zuwanderer sozusagen von oben herab: »Man stellt ihnen Räume zur Verfügung und unterstützt sie.« Unter solchen Umständen ließen sich keine »Lotsen« oder »Mittler« gewinnen.

Dr. Patricia Latorre beleuchtete anschließend genauer, was Migrantenselbstorganisationen »zwischen Selbstempowerment und bürgerschaftlichem Engagement« leisten. Dass und wie Paten-Programme trotz aller Hindernisse funktionieren können, war Thema mehrere Erfahrungsberichte und einer Podiumsdiskussion am Nachmittag.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Ehrenamtliches Engagement
  • Einwanderer
  • Hessische Landeszentrale für politische Bildung
  • Migranten
  • Unternehmerverbände
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos