01. September 2017, 19:58 Uhr

Migranten-Putzfrau hasst Flüchtlinge

Was für ein Einstand! Mit drei Kurzdramen zur Lage Europas ist das Stadttheater in die Spielzeit gestartet. In »Triptychon des Ankommens« gibt außerdem Ewa Rataj als Neue ihr Gießen-Debüt. Sie setzt als Migranten-Putzfrau mit Hass auf Flüchtlinge und Eizellenspenderin aus der Ukraine Duftmarken.
01. September 2017, 19:58 Uhr

Ein Triptychon ist ein dreiteiliges Gemälde, meist mit sakralen Motiven. Insofern macht es Sinn, dass das Stadttheater seine auf drei Kurzdramen abgespeckte Version des »Europäischen Abendmahls« – fünf europäische Autorinnen hatten auf Bestellung des Wiener Akademietheaters fünf Kurzdramen geliefert – als »Triptychon des Ankommens« tituliert. Folgerichtig ist aber auch, dass an drei Stationen gespielt wird. Vom Atrium des Rathauses, über die taT-Studiobühne bis hin zum Keller des THM-Gebäudes im ehemaligen Landratsamt wandeln die Zuschauer an diesem mehr als zweistündigen Abend. Luftschnappen zwischendurch tut gut. Aber nicht, weil die Textlawine ermüdend wäre. Doch das, was die Schauspielerinnen Kyra Lippler und Ewa Rataj dem Publikum servieren, erfordert Zeit zum Nachdenken über eigene Befindlichkeiten in einer Zeit, in der Toleranz und Mitmenschlichkeit auf die Probe gestellt werden.

Da ist zunächst Marusja, gespielt von Ewa Rataj, die mit ihrem Putzlappen die Kritzeleien eines Mädchens (Inga Ströde) im Rathaus wegwischt. Doch eigentlich putzt Marusja aus »Die Barbaren – Monolog für eine Ausländerin« der georgischen Autorin Nino Haratischwili in einem Flüchtlingswohnheim. Und sie hasst es. Sie selbst hat alles getan, um sich als Migrantin zu integrieren. Doch obwohl sie ellenlange deutsche Wörter rezitieren kann und sogar als »Krone der Integration« einen Schrebergarten hat – Marusja bleibt eine Verliererin. Ihr Hass auf alle Flüchtlinge, die im Gegensatz zu ihr von der »Willkommenskultur« der Deutschen profitieren und Unterstützung bekommen, entlädt sich in einem heimtückischen Anschlag.

Migranten gegen Flüchtlinge

Ewa Rataj macht Marusjas furiosen Putzeimermonolog zur eindringlichen Hassrede über Integration und Ungerechtigkeit. Während sie in Putzoverall und Glitzer-Shirt über die Etagen des Atriums wirbelt, erschafft sie das Bild einer zutiefst Verbitterten. Man bekommt Mitleid mit dieser Frau, die nie eine Chance hatte und mit größtmöglicher Anpassung Anerkennung sucht. Trotz der schwierigen Akustik des Atriums ist Ratajs Spiel von großer Intensität. Es gelingt ihr, die Ambivalenz der Figur zwischen Opfer und Täter in allen Facetten zu zeigen.

In einem »Triptychon« ist das mittlere Gemälde das Dominierende. Dieser Maxime folgt auch dieser von Regisseurin Kirsten Uttendorf und Bühnen- und Kostümbildern Thomas Döll optisch eher zurückhaltend inszenierte Kurzdramenabend. In der taT-Studiobühne treffen die beiden Schauspielerinnen aufeinander – und bleiben doch im Monolog. Während sich Kyra Lippler als unfruchtbare Mary schönredet, warum sie im »Baby-Dreams«-Katalog ausgerechnet Eizellen aus der Ukraine bestellt, zeigt sich im Bewerbungsinterview der Agentur (als Stimme aus dem Off spricht Rebecka Dürr), dass sich Eizellenspenderin Darja (Ewa Rataj) nur aus finanzieller Not wie eine Stute auf dem Pferdemarkt behandeln lässt. Das Drama »Ich liebe dich schon jetzt« der Finnin Sofi Oksanen zeigt, was die Entwürdigung mit beiden Frauen anrichtet.

Und dann geht es für die Zuschauer nicht nur tatsächlich in den »Abgrund«. Im Keller des THM-Gebäudes spielt Kyra Lippler mit großer Intensität Mari aus dem gleichnamigen Monolog der ungarischen Autorin Terézia Mora. Obwohl selbst als Illegale nach Deutschland gekommen, hat diese alternde Mari nun Angst vor fremden Männern, die doch nur »deutsche Frauen heiraten wollen«. Auch zu Flüchtling Hamid, dem sie Deutsch beibringt, bleibt sie auf Distanz.

»Ankommen« bedeutet nicht, dass eine Reise tatsächlich zu Ende ist. So wie auch in Europa- und Flüchtlingsfragen noch längst nicht alles geklärt ist. »Triptychon des Ankommens« bietet jede Menge Anregung, in diesem Prozess einen Moment innezuhalten und über den eigenen Standpunkt nachzudenken. »Theater trifft Stadt« lautet das Spielzeitmotto. »Theater trifft den Nerv der Zeit« könnte es ebenfalls heißen.

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