26. Juli 2019, 19:00 Uhr

10 Minuten Gießen

Menschliche Abgründe im »Kosmos« Marktplatz

Wer zehn Minuten lang die Szenerie am Gießener Marktplatz beobachtet, kann einen ganz besonderen Mikrokosmos erleben. Dazu gehören auch menschliche Abgründe im Schatten der Bäume
26. Juli 2019, 19:00 Uhr
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Von Christine Steines
Sommerferien, 36 Grad im Schatten, keine Spur von hektischer Betriebsamkeit auf dem Marktplatz. (Foto: Friedrich)

Der hellblaue Pullover ist viel zu dick für diesen Sommertag. Die Frau trägt darüber noch einen weißen Schal. Ob sie vor lauter Hitze noch zorniger ist? Sie läuft. Vom Schwälmer Brotladen bis zur Sparkasse und wieder zurück. Vorbei an Volksbank, Eisdiele, Handyshop, Dalli-Laden. Gestikulierend. Wütend. Sie spricht spanisch. »Wann ist die endlich heiser?«, sagt ein Mann, der mit nacktem Oberkörper unter dem großen Ahorn liegt. Seine Augen sind geschlossen, aber er schläft nicht. Er gehört zur Trinkerszene am Baum. »Die musste umhauen, sonst hört die nicht auf«, sagt einer von ihnen. Es ist dieser auffällige Typ, der oft da sitzt. Grau melierter Pferdeschwanz, muskulöse, tätowierte Oberarme. In einem früheren Leben war er vielleicht Rocker oder Cowboy oder fuhr bei der Kirmes mit. Vielleicht in seinen Träumen, vielleicht in echt. Das ist jetzt sowieso egal. Einer der Kumpel hat im City-Rewe eingekauft und kleine braune Fläschchen mitgebracht. Er setzt eine an den Mund und schluckt. Langsam schlendert er zu einem der Blumenkübel und steckt das Fläschchen in die Erde.

Jetzt umsteigen und durchstarten. Ein Bus fährt vor. Auf der Heckscheibe klebt das Porträt eines attraktiven jungen Mannes. Er ist offenbar durchgestartet. »Alle wollen mich. Aber ich geh ins #teamEV«. Er wird Krankenpfleger, weil »#teamEV die Guten sind«. Darauf hatten die Punker, die sich mit den Trinkern den Platz unter dem Ahorn teilen, keinen Bock. Sie sind auch getränketechnisch nicht umgestiegen. Sie kippen bei 36 Grad im Schatten Bier und Schnaps, dösen und spielen auf ihren Handys herum. »Sei schlau, werd blöd«, steht auf den T-Shirts, die zwei der Jungs tragen. Sie sind auf dem besten Weg dorthin. Der Bus biegt in die Schulstraße ein.

Vor dem Handyladen packt eine Radlerin ihre Satteltasche und setzt die Sonnenbrille auf. »Alissa, zieh den Helm auf«, sagt sie zu ihrer etwa zehn Jahre alten Tochter. Die schmollt. Es ist ihr viel zu heiß unter dem Ding. Es gibt keine Diskussionen. Helm auf. Alissa ist mit ihren Gedanken schon woanders. »Mama, die dunkelbraunen Kinder da drüben haben alle ein Handy«. Sie zeigt auf eine afrikanische Familie. »Hast du das gesehen? Ich will jetzt auch endlich eins«. Die beiden radeln Richtung Neustadt.

Im 1-Euro-Shop gibt es Strohhüte. Ein dicker Mann in einem blauen T-Shirt probiert sie auf. Einer passt. Der Mann legt ihn dennoch zurück, streicht sich über das graue, kurze Haar und geht weiter. Nicht das Richtige für ihn. Beim Goldhändler nebenan ist man nicht ganz auf der Höhe der Zeit. »Kalte Tage, heiße Preise«, steht auf dem Schild vor der Tür. Derzeit interessiert sich niemand dafür; heiße Preise spielen für die meisten hier ohnehin keine Rolle. Der Nichtsesshafte neben dem Schlammbeißer-Denkmal sinniert über die Werte in dieser Welt. Genau ist er nicht zu verstehen. Wie immer lebt der langhaarige, verwahrloste Mann, der barfuß durch das Viertel streift, in seiner eigenen Welt. Neben ihm steht sein Glas Nescafé, ein Topf und ein Gaskocher. Ein kleines Radio hat er auch dabei.

Der Marktplatz liegt in gleißender Sonne. Es ist 13 Uhr, mitten in den Sommerferien. Der Platz ist leer, ab und zu huscht ein Radler vorbei, eine Taube pickt neben einem Mülleimer herum. Eine alte Dame mit Rollator geht von der Engel-Apotheke Richtung Seltersweg. Unterwegs schaut sie sich die Trolleys an, die es bei Dalli günstig gibt. »besser und billiger«, heißt es da. Außerdem macht der Laden bald dicht. »Wir schließen«. Die Punker bekommen Besuch. Ein Pärchen kreuzt auf. Umarmungen, Schulterklopfen. Lange nicht gesehen, lebst du noch? »Nein, ich bin schon tot«, sagt die Frau und lacht scheppernd. Die Hitze sorgt für bleierne Schwere, aber nicht nur die Temperaturen sind niederdrückend. »Wir schließen«. Fast eine Abschiedsformel für den Kosmos Marktplatz.



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