Stadt Gießen

Meier-Gräwe: »Nicht-Gleichstellung« kostet die Gesellschaft viel Geld

Gießen (kw) Bei einer Frauenvollversammlung der Justus-Liebig-Universität Gießen aus Anlass des Internationalen Frauentages stellte Prof. Uta Meier-Gräwe den von ihr mitverfassten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vor. Die widersprüchliche Familienpolitik sei »eine volkswirtschaftliche Verschwendung«, konstatierte die Gießener Hochschullehrerin.
11. März 2011, 10:00 Uhr
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Prof. Uta Meier-Gräwe hat den ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mitverfasst.

Ein Medizinstudium kostet die Gesellschaft etwa 136 000 Euro. Aber wenn eine junge Ärztin Mutter wird und dazu noch verheiratet ist, wird ihr nahe gelegt, dass sie doch besser zu Hause bei ihrem Kind bleiben sollte. Das geschieht auf vielerlei Weise: Sie findet nur schwer einen Kita-Platz in einer Kita, wenn sie nicht sowieso vor der verpönten »Fremdbetreuung« zurückschreckt. Als »Hausfrau« kann sie über ihren Mann kostenlos mit krankenversichert sein. Und wegen der Steuer-Aufteilung zwischen den jungen Eltern scheint von einem Teilzeitarbeits-Gehalt nicht viel übrig zu bleiben. Die widersprüchliche Familienpolitik in Deutschland habe »eine volkswirtschaftliche Verschwendung« zur Folge, sagt Uta Meier-Gräwe.

Die Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaften von der Justus-Liebig-Universität hat den Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mit verfasst. Einige Ergebnisse stellte sie nun vor im Rahmen einer »Frauen-Vollversammlung« anlässlich des 100. Internationalen Frauentags. Die JLU-Frauenbeauftragte Marion Oberschelp konnte dazu etwa 80 Interessierte begrüßen.

In Deutschland müsste das Ehegatten-Steuersplitting ebenso abgeschafft werden wie die »desaströs« wirkenden »Minijobs«. Nötig sei eine Quote in Aufsichtsräten großer Unternehmen. Das sind die wichtigsten Empfehlungen der Sachverständigen-Kommission. Mit diesen Forderungen habe es wohl zu tun, dass Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kürzlich den Bericht nicht selbst entgegennahm, den ihr Haus vor drei Jahren in Auftrag gegeben hatte. Der öffentlichen Aufmerksamkeit habe das eher gut getan, bekannte Meier-Gräwe.

Die Folgen der »Nicht-Gleichstellung« von Frauen und Männern kosteten volkswirtschaftlich insgesamt mehr, als es sinnvolle Maßnahmen täten, betonte die Wissenschaftlerin. Nicht nur die guten und teuren Ausbildungen liefen oft ins Leere. Den Frauen - vor allem, wenn sie Kinder haben - drohe außerdem zunehmend eine neue Alters-Armut, die ja auch für die Gesellschaft Kosten mit sich bringe. Denn im Laufe ihres Lebens verdiene die deutsche Durchschnitts-Frau nur 58 Prozent des Männer-Lebensgehalts.

Noch immer wirke das Bild vom Mann als »Ernährer« und der Frau als »Hausfrau« nach, so Meier-Gräwe. Doch damit drohe Deutschland den Anschluss zu verpassen beim Wandel der Industrie- zur wissensbasierten Dienstleistungs-Gesellschaft. Für beide Geschlechter seien unter anderem flexiblere Arbeitszeitregelungen nötig. »Bestraft« werde derzeit jeder, der von der »Vollzeit-Erwerbsbiografie« abweicht.

Das gelte natürlich auch für »aktive Väter« oder Männer, die ältere Angehörige pflegen. Doch Fürsorge- und Haushalts-Arbeit erledigten überwiegend Frauen. Das gelte - so die Statistik - schon bei kinderlosen Paaren. Nach der Geburt des ersten Kindes übernehme die Mutter dann einen immer größeren Anteil dieser unbezahlten Tätigkeiten.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Meier-Graewe-Nicht-Gleichstellung-kostet-die-Gesellschaft-viel-Geld;art71,57302

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