09. Oktober 2017, 19:56 Uhr

Mehr als ein »kleines Liddele«

09. Oktober 2017, 19:56 Uhr
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Aus der Redaktion
Die sollte man kennen: Samuel Maquin, Hampus Melin, Sasha Lurje, Sanne Moricke und Michael Tuttle (v. l.). (Foto: kdw)

Gießen (kdw). Namen gibt’s. »You Shouldn’t Know From It!« heißt die Berliner Klezmerband, die am Sonntag im Hermann-Levi-Saal gastierte. Ihr Auftritt riss die Zuhörer mit und prägte sich nachdrücklich ein: ein Genuss.

Samuel Maquin (Klarinette), Hampus Melin (Schlagzeug), Sanne Moricke (Akkordeon), Sasha Lurje (Gesang und Tanz) und Michael Tuttle (Kontrabass) beweisen gleich beim ersten, instrumentalen, Titel ihre Klasse. Das Akkordeon stellt attraktive Flächen und Linien in den Raum, und die Klarinette umschwirrt diese lebhaft. »Man darf auch Tanzen,« sagt dann Sängerin Sasha Lurje vor ihrem ersten Titel. Ihre Stimme ist bezaubernd, lieblich, klar und ihre Intonation makellos. Sie singt Jiddisch, es klingt sehr angenehm, leider versteht man nichts, de facto jedenfalls, außer dem Gefühlstenor: heiter. Zugleich gehen mehrere Dinge vor sich: Der Schlagzeuger beschleunigt das Ganze in den tanzbaren Bereich, die Musiker beginnen zu lächeln, und das Publikum im fast vollen Saal fängt an zu klatschen.

Währenddessen bemerkt man neben der Ausgelassenheit des nächsten Titels die Verve, mit der diese Musiker agieren, die Interaktion zwischen Maquins Klarinette und Morickes Akkordeon steigert sich zur Verschmelzung, die Stimmen wachsen förmlich zusammen. Gemeinsam prägen sie den musikalischen Charakter der Band. Dabei sind alle tolle Musiker: Schlagzeuger Melins Timing ist felsenfest; Morickes Akkordeonspiel muss kongenial genannt werden. Welche Einfälle sie immer wieder realisiert, ist umwerfend und von grenzenloser Fantasie. Höchst einfühlsam und gleichermaßen variabel legt Bassist Tuttle fast schüchtern sein einfallsreiches Fundament. Es ist zum einen wie in jedem Klezmerkonzert: man findet sofort Zugang zu dieser Musik. Doch wo anderen Bands schon mal die Ideen ausgehen – von Langeweile bemerkt man hier nichts.

Mit ansteckender Riesenlaune verströmt diese Gruppe Einfälle und reiche Abwechslung, ohne die geringsten Anzeichen von Verschleiß. Ein Höhepunkt des Nachmittags ist das von Lurje a cappella gesungene »Ein kleines Lidele«. Da fühlt man ihre Trauer fast als wär’s die eigene, ein herausragend schöner Song – dieses Ensemble lässt seine Musik hell leuchten. Die Zuhörer sind begeistert. Das Konzert wurde von der Deutsch-Jüdischen Gesellschaft und dem Zentralrat der Juden unterstützt.



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