Stadt Gießen

Mehr als 250 Fotos von Gießener Juden

7000 Glasplatten aus dem ehemaligen Fotoatelier Uhl hat Hanno Müller gesichtet. Die Aufnahmen von einstigen jüdischen Mitbürgern aus Gießen hat er nun in einem neuen Buch publiziert.
03. April 2019, 22:02 Uhr
Dagmar Klein
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Stadtarchivar Brake und Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz präsentieren mit Autor Hanno Müller und Volker Lindenstruth (v. l.) das neue Buch. (Foto: dkl)

Als Hanno Müller im August die Hedwig-Burgheim-Medaille verliehen wurde, da war der Ankauf der gut 7000 Glasplattennegative aus dem einstigen Gießener Fotoatelier Philipp Uhl gerade festgezurrt, erinnert sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Der Genealoge und Erforscher des Judentums in Gießen und Region machte sich gleich danach mit Energie und Beharrlichkeit an die Arbeit. Sämtliche 7000 Glasplatten hat er gesichtet und die einstigen jüdischen Mitbürger herausgesucht. Die Fotos sind jetzt in einem neuen Buch publiziert, dessen Druck von der Ernst Ludwig Chambré-Stiftung in Lich finanziert wurde.

»Nur Hanno Müller konnte diese Arbeit in diesem Umfang leisten«, sagt Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake. Dank seines umfangreichen Wissens über die Juden aus Gießen und Umgebung, könne er Verbindungen ziehen und Bezüge herstellen. Das Nachschlagwerk zu »Juden in Gießen 1788-1942« publizierte Müller 2012. Das jetzt erschienene Buch »Fotos Gießener Juden« ist eine Ergänzung dazu. »Nur durch das erste Buch konnte ich jetzt die Fotos zuordnen«, sagt er. Außerdem hat er neue Informationen zum bisherigen Forschungsstand hinzugefügt.

Der Bildband umfasst 250 Seiten und zeigt mehr als 250 Abbildungen, aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis 1939/40. Die Reproduktionen hat in bewährter Kooperation Volker Lindenstruth gemacht. Sie sind nicht bearbeitet und ›geschönt« worden, sondern mit allen Zeitspuren belassen. Auch die Ränder sind mit abgebildet, auf denen der Fotograf einst die Namen der Dargestellten geschrieben hat. Es handelt sich also um eine Foto-Dokumentation in hoher Qualität und mit ganz eigener Ästhetik, wie das Foto von Jenny Löwenstein aus Fronhausen (kleines Foto) deutlich macht.

Es sind Familienbilder, häufig Fotos von Frauen und Kindern, Einzelporträts von Männern sind seltener. Einige Bilder hat man schon gesehen, etwa das von Gustav Bock kürzlich in der Ausstellung im Museum zu den Bock-Gemälde-Stiftungen. Von anderen Personen waren bislang nur die Namen bekannt, etwa von Rechtsanwalt Albert Aaron, dessen Wirken vor Jahren in der Ausstellung »Die fiskalische Ausplünderung der Juden durch den Staat« vorgestellt wurde.

Dabei sind Angehörige der Universität, auch mal in ihrer Corps-Uniform mit Farbenband. Vor allem die gut betuchten Bürger, etwa die Familien Frensdorf und Pfeffer, die die ersten Modehäuser in Gießen führten. Es gibt Aufnahmen von Bürgern der Nachbarorte wie Buseck, Lich und Reiskirchen. Hinzugenommen hat Müller auch Nachkriegsfotos, die Nachfahren ihm schickten.

Aus allem spricht die Normalität des bürgerlichen Alltags. Doch wenn man die Kurzbiografien daneben liest, dann treibt es einem schon die Tränen in die Augen, wie Grabe-Bolz anmerkte. Die vielen Kleinkinder und Jugendlichen, die alle nicht die Chance hatten erwachsen zu werden, weil die nationalsozialistische Gewaltherrschaft die Vernichtung aller Juden zum Ziel hatte. Doch einigen gelang Emigration oder Flucht. Müller hat Kontakt zu vielen Nachfahren in den USA und Israel. Daher war es ihm wichtig, dass die Texte im Buch auch auf Englisch dazugestellt wurden. »Das ist eine Erinnerung für Menschen in der ganzen Welt.« Und ein Zeichen für Versöhnung, das Müller zu verdanken ist.

Die Kisten mit den Glasplattennegativen von einstigen Gießenern befinden sich im Depot des Stadtarchivs. »Ziel ist es«, so Brake, »dass alle nach und nach digitalisiert und erfasst werden, damit man die empfindlichen Glasplatten möglichst nicht mehr anfassen muss.« Aber das dürfte angesichts der schieren Menge ein Weilchen dauern. Lohnenswert ist es allemal.

Der Band kostet 10 Euro und ist beim Autor und im Stadtarchiv, aber auch über den Buchhandel erhältlich. Es gibt nur eine Auflage von 300 Stück. Wer ein Buch haben will, sollte sich also sputen.

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