04. Februar 2019, 21:23 Uhr

Mehr Sicherheit in heiklen Situationen

04. Februar 2019, 21:23 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Wo und wie fasse ich ein Kind an? Das wird bei der Tanzsportgemeinschaft Blau-Gold klar besprochen. (Archivfoto: Schepp)

Eigentlich sollen die jugendlichen Sportler »möglichst« nicht gemeinsam mit dem Trainer duschen. Einmal in der Woche tun sie es trotzdem, weil es räumlich am bequemsten ist. Ein Junge erzählt seinem Fußballtrainer, dass er wegen einer schlechten Schulnote Angst hat, nach Hause zu gehen. Ein Übungsleiter fragt sich: Kann ich einem Mädchen ein Pflaster aufs Knie kleben, wenn wir alleine in der Umkleidekabine sind? Der Umgang mit vielfältigen Alltagssituationen wird heute in etlichen Sportvereinen offen diskutiert und geregelt. 17 Gießener Vereine haben die Initiative der Stadt zum »Kindeswohl im Sport« angenommen. In ihnen werden drei Viertel der Kinder und Jugendlichen betreut, die in einem Verein in der Stadt Sport treiben. »Wir streben 100 Prozent an«, sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. »Aber wenn ich an die Anfänge denke, ist der Zwischenstand schon erfreulich. Wir mussten dicke Bretter bohren.«

Heute Informationsveranstaltung

Die Stadt Gießen war Vorreiter. Schon im Jahr 2010 forderte sie, dass auch ehrenamtliche Helfer die damals neu eingeführten erweiterten Führungszeugnisse vorlegen – erst in der Kinder- und Jugendarbeit, dann in den Sportvereinen. Erbitterter Widerstand war die Folge. Ehrenamtliche würden unter »Generalverdacht« gestellt, der Aufwand sei zu groß, meinten etliche Vereinsvertreter. Erst 2014 trat die neue Sportförderrichtlinie in Kraft. Vereine, die ein Schutzkonzept vorlegen, bekommen seitdem deutlich mehr Geld von der Stadt, nämlich 7,50 statt 3,50 Euro pro minderjährigem Mitglied im Jahr. 30 000 Euro jährlich gibt die Stadt dafür aus; zusätzlich zu Hallen, Plätzen oder Zuschüssen für Sportgeräte.

Fünf Jahre später zieht die OB eine weitgehend positive Bilanz. Zwar seien die 17 Vereine, die mitmachen, nur eine Minderheit: 87 Vereine in Gießen sind im Landessportbund organisiert. Von den zehn größten Sportvereinen seien aber immerhin sieben dabei. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen sowie ihre Betreuer profitierten von den Schulungen und Gesprächen. »Wir setzen darauf, dass die Praxis auch die übrigen Vereine überzeugt.« In den beteiligten Vereinen entstehe eine »Kultur des Hinsehens«, ergänzt Sportamtsleiter Tobias Erben. Sportvereine seien wichtige Partner beim Kinderschutz. Wenn die Übungsleiter Verdacht auf Vernachlässigung, Misshandlung oder andere Gefährdungen haben, wissen sie dank den konkreten Konzepten, an wen sie sich in welchem Fall wenden können. »Ich höre oft: Wir fühlen uns sicherer«, berichtet Christin Schlathölter von der Beratungsstelle Wildwasser vom Ergebnis solcher Schulungen.

»Mit Grausen« erinnert sich Bernhard Zirkler, Vorsitzender der Tanzsportgemeinschaft Blau-Gold, an die Vorbehalte in vielen Sportvereinen. In seiner TSG seien die Erfahrungen mit Führungszeugnis und Schutzkonzept durchweg positiv. In etlichen Fällen habe man professionell reagieren können: Als sich ein Aushilfslehrer an eine Elfjährige heranmachte; als ein Mädchen nicht mehr zum Training erschien und islamistische Botschaften verbreitete; als ein junger Trainer in Kriminalität abzugleiten drohte. Eine eigene Beauftragte spreche Eltern an, wenn deren Kinder möglicherweise verfängliche Tanzfotos im Internet posten. Respekt sei die oberste Leitlinie. »Wenn ich an meine eigene Wortwahl früher im Training denke – das geht heute überhaupt nicht mehr.«

Die Neuerungen seien mit Aufwand verbunden, sagt Mario Bröder, Geschäftsführer des MTV 1846; so müssten die Führungszeugnisse jetzt erneuert werden. Doch »die Leichtigkeit ist nicht verloren gegangen. Wir machen alles, was wir früher auch gemacht haben. Manchmal machen wir uns vielleicht mehr Gedanken, zum Beispiel zur Schlafplatzverteilung im Zeltlager.«

Ein Einstieg in die Präventionskampagne ist für alle weiteren Vereine »jederzeit möglich«, betont Erben. Am heutigen Dienstagabend um 19 beginnt dazu eine Informationsveranstaltung beim 1. SC Gießen-Sachsenhausen im Gleiberger Weg 35.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos