10. Dezember 2017, 14:00 Uhr

Jahresbilanz

Mehr Schäden im Stadtwald

Den Weihnachtsbaum im Wald beim Förster holen: Das hat Tradition. Doch wenn um diese Jahreszeit Bäume fallen, wirft dies auch die Frage auf: Wie geht es eigentlich dem Stadtwald?
10. Dezember 2017, 14:00 Uhr

3000 Fußballfelder: Etwa so groß ist der Stadtwald. Seine 1550 Hektar Fläche verteilen sich auf Schiffenberger Wald, Hangelstein und Philosophenwald. Der Stadtwald hat wichtige Funktionen als Naherholungsgebiet, als Klimazone und als Wirtschaftsfaktor und Rohstoffreservoir. In diesem Spannungsfeld, das auch Interessenskonflikte hervorruft, arbeitet der Leiter des städtischen Forstbetriebs, Ernst-Ludwig Kriep. Der 48-Jährige beackert seit 1999 bei der Stadt Gießen das Aufgabengebiet Wald und leitet seit 2013 den stadteigenen Forstbetrieb. »Insgesamt geht es dem Stadtwald gut, weil wir uns gut um ihn kümmern«, sagt Kriep.

 

Wetterextreme, Schädlinge, Pilze

 

Doch es gibt auch Probleme: Die Schadvielfalt sei in den letzten Jahren merklich gestiegen, hat Kriep beobachtet. »Schäden durch Stürme und Sommergewitter nehmen zu, auch die Menge an Schäden durch Pilze und Insekten wie Borkenkäfer, Schwamm- und Eichenprozessionsspinner gab es in solch hohem Ausmaß vor zehn Jahren noch nicht«, sagt Kriep. Die starke Trockenheit im Frühjahr habe vor allem den Kiefern geschadet, die von dem Pilz »Diplodia pinea« befallen sind. Dies kann auch Förster Jörg Sennstock vom Nachbarrevier in Linden bestätigen, der sehr viele Kiefern im Bestand hat.

 

10000 Bäume pro Jahr geerntet

 

Aktuell habe man das gegenteilige Problem, dass es im Wald zu nass sei. »Ausgerechnet jetzt zur Haupt-Holzerntezeit sind die Waldböden zu feucht und oft nicht tragfähig genug für schwere Holz-Rückfahrzeuge und Lkws«, erklärt Kriep. 10 000 Kubikmeter Holz – das entspricht etwa 10 000 Bäumen – werden durchschnittlich pro Jahr im Stadtwald gefällt. Zehn Prozent davon sind »Kalamitätsnutzungen«, also Bäume, die wegen Krankheit, Windbruch oder Schadensbefall ohnehin beseitigt werden müssen. Der Löwenanteil des geernteten Holzes wird im Umkreis von 200 Kilometern verarbeitet und für Möbel, Fußböden oder Innenausbau verwendet. Nur drei bis sechs Prozent der städtischen Holzernte werden ins Ausland exportiert.

 

Viel illegale Müllentsorgung

 

Von der wirtschaftlichen Nutzung völlig ausgeklammert sind zehn Prozent des Stadtwaldes, vor allem Philosophenwald und Hangelstein. Dort stehen der Naturschutz und der Naherholungswert im Vordergrund. »Wenn es im restlichen Stadtwald Zielkonflikte gibt, sollen Erholungs- und Klimafaktoren aber höher gewichtet werden als wirtschaftliche Interessen«, sagt Kriep. Ein Beispiel: Weil die Waldböden aktuell sehr feucht sind, wird im Zweifelsfall auf Baumfällungen verzichtet, damit die Nutzfahrzeuge keine zu großen Schäden im Wald anrichten.

Ein leidiges Thema ist zudem die illegale Müllentsorgung (Bauschutt, Sperrmüll, Altreifen). »Wir müssen jede Woche eine Müllrunde fahren, um das Zeug im Wald einzusammeln«, ärgert sich Kriep.

80 Prozent des Stadtwalds sind Laub- und Laubmischwälder, 20 Prozent bestehen aus Nadelhölzern, weiß der Revierförster. Besonders am Stadtwald sei, dass er einen sehr hohen Anteil an über 120 Jahren alten Bäumen beherberge und die Baumzahl pro Hektar höher liege als im hessenweiten Durchschnitt.

 

Bestände werden verjüngt

 

Bei der Hege und Pflege des Stadtwaldes achten Kriep und sein Team – das aus drei weiteren Forstwirten und einer Kollegin im Innendienst besteht – auf möglichst große Vielfalt statt Monokulturen. In Buchenwäldern, für die trockene Sommer ein großes Problem darstellen, werden Ulmen, Bergahorn oder Kirschbäume integriert. Um die Bäume auf die zunehmenden Wetterextreme vorzubereiten, werden die Bestände systematisch verjüngt. »Alte Bäume, die seit über 100 Jahren im Wald stehen, können sich an längere Trockenheit nur bedingt anpassen. Wenn aber ein junger Baum von Beginn an mit längeren Dürreperioden zurechtkommen muss, gewöhnt er sich vielleicht eher daran und hält länger«, sagt Kriep.

 

Über 5000 Weißtannen gesetzt

 

»Dieses Jahr haben wir zudem über 5000 Weißtannen gesetzt.« Die Samen dafür wurden von der großen Tanne geerntet, an der im Kletterwald auf dem Schiffenberg die Riesen-Seilrutsche befestigt ist. »Da dort ein Podest hoch oben im Baum befestigt ist, können wir die Zapfen mit den Samen leichter ernten«, erläutert Kriep.

Übrigens ist der städtische Forstbetrieb seit 2014 FSC-zertifiziert. Dies ist das strengste internationale Prüfsiegel zur Zertifizierung nachhaltiger Forstwirtschaft, das es gibt.

Zusatzinfo

Weihnachtsbaum frisch schlagen

Die Stadt Gießen betreibt eine kleine Weihnachtsbaumplantage. Dort wird aber nur für städtische Einrichtungen wie Kitas geerntet, nicht für den öffentlichen Verkauf. »Das überlassen wir unserem Nachbarrevier Linden und dem Kollegen Jörg Sennstock«, sagt Stadtförster Kriep. Am kommenden Samstag (16. Dezember) bietet die Revierförsterei Linden von 9 bis 13 Uhr ein Weihnachtsbaumschlagen (überwiegend Blaufichten) bei Gießen an: Treffpunkt ist in der Nähe der Firma Bieber + Marburg, an der Landstraße 3132 von Gießen nach Watzenborn (kurz hinter Gießen rechts abbiegen zur Firma Bieber + Marburg, von dort weiter der Beschilderung folgen). Die Bäume werden auf Wunsch eingenetzt. Sägen sind vorhanden.

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