15. März 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Matthias Leschhorn: Der weltoffene Seelsorger

Seit 1988 ist Matthias Leschhorn Pfarrer der Petrusgemeinde. Der 59-Jährige ist eine Art Hans Dampf in Gießens Gassen, wenn es gilt, soziale, religiöse oder kulturelle Barrieren zu überwinden.
15. März 2019, 14:00 Uhr
Matthias Leschhorn am Taufbecken »seiner« Petruskirche. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Er sitzt hemdsärmelig am Tisch und pellt Eier. Einige Frauen aus der Petrusgemeinde bereiten ein Treffen vor. »Es gibt Heringssalat«, sagt Matthias Leschhorn. Hat ein Pfarrer nicht andere, wichtigere Dinge zu tun? Ja, sicher. Trotzdem kann man zwischendurch mal mit anfassen. In der Küche oder sonstwo. Der 59-Jährige kann gar nicht anders. »Seine« Petrusgemeinde und das Südviertel, das ist sein Kosmos. Hier kennt er fast jeden, und fast jeder kennt ihn. Doch man muss nicht lange suchen, um »Indizien« dafür zu finden, dass es kein in sich geschlossener Kosmos ist, sondern dass man es mit einer weltoffenen Gemeinde und einem ebensolchen Seelsorger zu tun hat.

Tiefe Heimatverbundenheit

Im Nebenraum der Petruskirche finden sich Kirchenschmuck und Ikonastasen, die nicht recht zur Ausstattung einer modernen evangelischen Kirche passen. Jede Woche feiert hier die griechisch-orthodoxe Gemeinde ihre Gottesdienste, längst sind die Griechen zu guten Freunden geworden. Das internationale Jugendcamp im Sommer, in dem sich junge Menschen aus vielen Ländern treffen, ist ein weiteres Indiz. Leschhorn ist ein bodenständiger, pragmatischer Typ mit einer tiefen Heimatverbundenheit, gleichzeitig heißt er »fremde« Menschen mit offenen Armen willkommen. Und nicht nur das; er setzt sich für sie ein, wo immer es geht.

Dieses Engagement zieht sich durch sein ganzes (Berufs)leben. Dabei war der Beginn fast zufällig. Das »Notaufnahmelager« im Meisenbornweg gehört zum Gebiet der Petrusgemeinde. Als Ende der 80er Jahre immer mehr Übersiedler aus der DDR kamen und schließlich Ströme von Menschen über Ungarn und Tschechien nach Deutschland zogen, war Leschhorn mit einem großen Helfertrupp zur Stelle. Und auch als die Mauer fiel und viele DDR-Bürger den »Sehnsuchtsort« Gießen als Ziel wählten, packte er an und half. »Diese Ereignisse waren absolut überwältigend«, erinnert er sich.

Auch die Hilfsbereitschaft der Gießener war überwältigend. Viele Ehrenamtliche haben damals unglaubliche Kräfte mobilisiert. Ähnlich wie wie viele Jahre später, bei der Flüchtlingswelle von 2015 und in der Zeit danach. Auch hier waren Leschhorn und seine Leute dabei. Seine Leute, das sind die Ehrenamtlichen, aber immer auch das Team der Petrusgemeinde, auf das er bauen kann. Für Leschhorn ist es selbstverständlich, dort hinzuschauen und aktiv zu werden, wo Menschen in Not sind. Als Pfarrer, als Christ, als politisch denkender und als mitfühlender Mensch. »Das kann man gar nicht trennen, das ist soziale Verantwortung. Kirche muss heute politisch sein«.

Meine Familie ist der wichtigste Anker in meinem Leben. Dafür bin ich sehr dankbar

Matthias Leschhorn

Um zu verstehen, wieso er das so verinnerlicht hat, hilft ein Blick zurück – und auf den Stadtteil nebenan. Leschhorn kommt aus Kleinlinden, dort wuchs er mit zwei deutlich älteren Brüdern auf. Seine Großmutter war eine resolute Frau, die fleißig in die Kirche ging und den Enkel nach den Gottesdienstbesuchen streng befragte. Sie war in der evangelischen Frauenhilfe aktiv und fast jeden Nachmittag im Dorf unterwegs: Sie besuchte alte und kranke Menschen. Zudem war sie eine Mitinitiatorin des ersten Kleinlindener Kindergartens. »Das waren im Grunde meine ersten Erfahrungen mit Kirche und Diakonie«, erinnert sich Leschhorn. Seine Mutter Marie war genauso, auch sie war bis ins hohe Alter in der Gemeinde aktiv. Der Vater war Hof- und Wagenschmied und später als Lokführer tätig, die Mutter kümmerte sich um die Familie. Es waren aus heutiger Sicht bescheidene Verhältnisse, aber es mangelte an nichts. Der kleine Matthias erlebte eine behütete Kindheit in einem Umfeld voller Geborgenheit.

Familie – das ist für Leschhorn der wichtigste Anker seines Lebens geblieben. Sie macht ihn stolz, dankbar, glücklich. Seine Frau Christa kennt er seit der Schulzeit, sie ist seine große Liebe. Sie hält ihm nicht nur den Rücken frei. »Sie steht hinter mir und stellt sich vor mich, wenn es nötig ist. Sie steht mir zur Seite. Was wir geschafft haben, haben wir gemeinsam geschafft«. Zum Beispiel haben sie gemeinsam zwei Töchter großgezogen, Hanna kam 1991 auf die Welt, Katharina zwei Jahre später. Und seit zwei Jahren ist Lotta da, das erste Enkelkind, ein gesundes, kleines Mädchen. »Ich bin dafür unendlich dankbar, denn ich sehe in meinem Beruf so oft, wie viel Leid Menschen ertragen müssen«. Leschhorn ist ein temperamentvoller, fröhlicher Typ, der nicht zu übertriebenem Pathos neigt und auch schon mal deutliche Worte findet, wenn ihm etwas nicht passt. Aber wenn er über etwas spricht, was ihm wirklich wichtig ist, kommt hinter der burschikosen Fassade schnell ein Mann mit einem großen Herzen hervor.

Wenn man authentisch ist, kann man Kindern viel mit auf den Weg geben

Matthias Leschhorn

»Das ist mir wirklich wichtig«. Dieser Satz fällt oft. Diese Vehemenz und die Unfähigkeit zur Gleichgültigkeit haben ihm viel Arbeit eingebracht. Leschhorn war lange Zeit in der Notfallseelsorge aktiv, er organisiert Jugend- und Familienfreizeiten, er ist Regionalverbandspfarrer der Johanniter Unfallhilfe und Vorsitzender der Evangelischen Regionalverwaltung Oberhessen, er fördert die Ökumene sowie die Kooperation mit Nachbargemeinden und vieles mehr. Das hat mit seinem umtriebigen Naturell und seinem Selbstverständnis als Seelsorger zu tun, aber auch mit seinem Wunsch, Menschen zueinander zu bringen. Er ist ein begabter Netzwerker, der seine guten und freundschaftlichen Kontakte zu vielen Menschen in der Stadt zu nutzen weiß.

Dass ihm soziale Gerechtigkeit so viel bedeutet, hängt – wieder einmal – mit seiner Familie zusammen. Leschhorn hat sich als Jugendlicher bei einem Onkel sein Taschengeld verdient, der Handwerker, Sozialdemokrat und Gewerkschafter war. Dort habe er gelernt, dass man hart arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. »Ich habe nie vergessen, wie lange man für eine Pizza schuften muss«. Und er habe gelernt, dass man sich für jene einsetzen muss, denen es unverschuldet schlechter geht als anderen. Dass er in seinem Leben immer wieder Menschen getroffen hat, die ihn geprägt und ihm etwas mitgegeben haben auf seinem Weg, weiß Leschhorn sehr zu schätzen.

Dass er von der Kanzel aus viele Menschen nicht erreicht, weiß der Pfarrer nur zu gut. Auch die Gottesdienste in seiner Gemeinde sind nicht immer gut besucht. Er weiß aber auch, dass etliche seiner Botschaften ankommen – manchmal erfährt er das erst Jahre später. Häufig stehen ehemalige Konfirmanden irgendwann vor der Tür und wollen sich von ihm trauen oder ihre Kinder taufen lassen. Leschhorn ist eben auch einer, der Jugendlichen etwas mitgibt. Weil er authentisch und ehrlich ist und nicht von oben herab predigt. So einer macht auch gerne mal Quatsch mit – oder setzt sich zwischendurch dazu und hilft beim Eierpellen.

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