22. Oktober 2019, 14:00 Uhr

Filmusikkomponist

Martin Stock: »Die Musik kann einen Film retten«

Der gebürtige Gießener Martin Stock gehört zu den gefragtesten deutschen Filmmusikkomponisten. Am Donnerstag kommt der Wahl-Münchener für einen Abend zurück in seine Heimatstadt.
22. Oktober 2019, 14:00 Uhr
Der gebürtige Gießener Martin Stock lebt seit vielen Jahren in München. (Foto: pm)

Herr Stock, der Abend am Donnerstag in der Petruskirche ist Teil der Veranstaltungsreihe »Heimat - himmlisch hessisch«. Sie leben schon viele Jahre in München. Welchen Bezug haben Sie noch zu Ihrer Heimatstadt Gießen?

Martin Stock: Im Dezember ist unsere Mama verstorben, unser Papa bereits 2016. Wir sind insgesamt drei Geschwister und hatten mit unseren Eltern eine sehr enge familiäre Bindung. Die letzten Jahre waren wir sehr oft bei den Eltern in Gießen. Zeit wird für uns alle doch immer kostbarer, und als unsere Eltern älter wurden, wollten wir alle viel Zeit mit ihnen verbringen. Demzufolge war ich sehr viel in Gießen.

Wie blicken Sie auf Ihre Heimatstadt?

Stock: Ich mag Gießen immer noch. Ich liebe es, zu kochen. Wenn ich in Gießen war, war ich samstags immer auf dem Wochenmarkt. Irgendwann fing ich an, mit den Leuten am Stand ins Gespräch zu kommen. Nicht nur Kartoffeln einpacken, bezahlen und Tschüs. Inzwischen sind daraus kleine Freundschaften entstanden. Der freundlichen Metzgerin schicke ich manchmal eine Whatsapp aus München mit einer Vorbestellung, und die nette Blumenfrau vom Wochenmarktstand hat auch den Grabschmuck für unsere Eltern gemacht. All das sind herzliche Verbindungen. Davon abgesehen verbindet mich eine tiefe Freundschaft mit Martin Pfeiffer, dem Musikproduzenten und Kinderliedermacher. Wenn ich für größere Projekte Musik produzieren muss, mache ich das immer mit ihm zusammen. Sie sehen, Gießen ist nicht vergessen - ganz im Gegenteil. Mit der Petrusgemeinde verbindet mich, dass ich dort hin und wieder bei Gottesdiensten die Orgel gespielt habe oder mit unserem Posaunenchor dort aufgetreten bin.

Sie gelten als einer der gefragtesten deutschen Filmmusikkomponisten. An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Stock: Im Moment bin in mit der Fertigstellung eines Fernsehfilms für den WDR beschäftigt. Ein historischer Stoff. Dafür wurde ich in den vergangenen Jahren häufiger gebucht. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Dieser Film trägt den Titel »Berthold Beitz - Ein unruhiges Leben« und beleuchtet das außergewöhnliche Leben des Krupp-Managers Beitz. Eine Figur wie Oskar Schindler. Auch er hat viele Juden vor dem Tod im Warschauer Ghetto bewahrt. Ein ernster und tiefgründiger Film. Für einen TV-Film nicht selbstverständlich, konnte ich die Musik mit Orchester, den Münchner Symphonikern, aufnehmen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wie die Musik für einen Film ausfallen muss?

Stock: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal muss die Musik zu einem Film schon vor Drehbeginn fertig sein, manchmal erst nach Abschluss des Filmschnitts. Oft unterhalte ich mich im Vorfeld mit den Regisseuren darüber, wohin die Reise gehen soll. Häufig werden von einem Regisseur oder einem Cutter auch schon temporäre Musikstücke unter den Film gelegt, um auszuprobieren, welche Szene welche Art von Musik braucht. Das sind dann in der Regel Filmmusik-CDs von bekannten Hollywood-Filmkomponisten. Dieses Procedere ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite gibt es dem Komponisten eine Idee, was die Musik erzählen soll, auf der anderen Seite muss man eine genauso starke musikalische Aussage machen, ohne den Kollegen zu kopieren, von dem die Musik stammt.

Welchen Anteil hat die Musik an dem Erfolg eines Films?

Stock: Ich würde behaupten, einen guten Film kann die Musik nicht kaputt machen, aber einen nicht so guten Film kann die Musik ein wenig retten. Wenn die Geschichte stimmt und gut erzählt ist, muss die Musik der Geschichte dienen. Auf jeden Fall darf sie nicht stören.

Kommt das manchmal vor?

Stock: Mein erster Job war so ein Fall. Da hatte ein Kollege eine Musik geschrieben, die nicht funktioniert hat und vom Sender nicht abgenommen wurde. So kam ich ins Spiel. Für einen lausigen Betrag, weil das Budget für die Musik ja schon ausgegeben war. Aber das war mir damals egal, denn es war meine Eintrittskarte in die Filmbranche.

Als Filmkomponist stehen Sie - anders als die meisten Schauspieler - eher nicht im Rampenlicht. Bedauern Sie das manchmal?

Stock: Ich finde es gut, dass ich einen Job machen kann, ohne ständig auf der Straße erkannt zu werden. Ein kleiner Nachteil ist, dass man teilweise sehr viele Stunden alleine im Studio verbringt auf der Suche nach der richtigen Musik. Oft genug wird nicht das erste musikalische Layout genommen. Ich erinnere mich an einem Film, bei dem erst die 17. Änderung einer Schlussmusik abgenommen wurde. Aber das ist Teil des Jobs.

Der Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt aber auf TV- und Kinofilmen?

Stock: Ja. Ansonsten mache ich für einige wenige ausgewählte Kunden Musik für Imagefilme. Das Stück für die Lenbachgärten werde ich auch in Gießen zeigen. Einem Tipp von Martin Pfeiffer habe ich zu verdanken, dass es von mir die Reihe »Piano Diaries« gibt. Kurze Klavierstücke, die in einer Zeit entstanden, als zwei große Filmprojekte um ein Jahr verschoben worden sind und ich Zeit hatte. Diese sind inzwischen sehr beliebt und laufen besonders in den USA auf diversen Playlists.

Sie hatten auch ein Gastspiel mit Rapper Bushido?

Stock: Stimmt. Wir haben denselben Anwalt. Da Rapper sich für ihre Stücke häufig bei bestehenden Musiken bedienten, Drums drunterlegen und drüber rappen, hatte er das eine oder andere Urheberrechtsproblem. Der Anwalt kam dann auf die Idee, dass er sich von mir eigene Musik komponieren lässt. Daraus sind zwei erfolgreiche Alben geworden. Gemeinsam haben wir »Forever young« mit Karel Gott produziert, was auch für mich eine interessante Zusammenarbeit war.

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