16. Oktober 2019, 21:38 Uhr

Marnies Manie

16. Oktober 2019, 21:38 Uhr
Jens Wawrczeck erweckt »Marnie« samt all ihrer Manien zum Leben. Mareike Eidemüller liefert den Sound am Vibrafon. (csk)

Einen Dachschaden hat hier jeder. Eine notorische Lügnerin und Kleptomanin beklaut unter falschen Namen ihre Arbeitgeber. Einer dieser Arbeitgeber steht aber offenbar auf Psychopathinnen und verliebt sich in die Diebin. Und die Mutter der Titelheldin wird postmortal als Kindesmörderin entlarvt, was wiederum den Knacks der Diebin zum Erbschaden degradiert. Schwere Kost, dieser Text von Winston Graham. Dass in Marnie der Stoff für einen Thriller steckt, hat einst auch Alfred Hitchcock bewiesen. »Hitch und Ich« heißen hingegen die Abende, mit denen Jens Wawrczeck fast vergessenen literarischen Vorlagen des Starregisseurs ein Denkmal setzt. So auch bei seiner Krimifestival-Lesung am Montag.

»Sie lernen die Frau kennen, die Hitchcock schlaflose Nächte bereitet hat«, verspricht der Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher dem Publikum im Kinopolis zu Beginn. Es folgen eine Filmsequenz sowie der Sprung in Marnies Geschichte. Die Titelheldin findet nach Coups in Birmingham, Manchester und Newcastle gerade unter neuer Identität einen Job als Sekretärin bei Mark Rutland. Nicht wenige Avancen später hat sie den Chef um den Finger gewickelt. Oder besser: Er hat sich ihr um den Finger gewickelt. Zeit zu handeln! Marnie, die sich Mary Taylor nennt, plündert den Firmensafe und verschwindet mit 1272 Pfund. Rutland sieht die Chance, er spürt Marnie auf, legt die Beute stillschweigend zurück - und hat seine Angebetete in der Hand.

Schwere Kost, wie gesagt. Dass sie bekömmlich, vor allem aber packend serviert ist, liegt zuallererst an Wawrczecks famosem Auftritt. Allein mit seiner Stimme erweckt er ein halbes Dutzend Figuren authentischer zum Leben, als es das eine oder andere Sechserensemble je könnte. Im Kopf der Zuhörer läuft deshalb bereits nach kurzer Zeit ein Film. Den Sound liefert Mareike Eidemüller am Vibrafon: Wo im Kino ein Schnitt folgt, erklingt bei der Lesung ein akustisches Zwischenspiel. Und wo sich die Handlung zuspitzt oder Entscheidungen anbahnen, untermalt Eidemüller den Text mit entsprechenden Klängen.

Marnies Psychogramm gewinnt unterdessen immer schärfere Konturen. Aus Angst vorm Knast heiratet sie Rutland. Das hält sie wiederum nicht ab, dem Gatten jede körperliche Nähe zu verweigern. Nachdem aus Mark in den Flitterwochen auf Ibiza ein Vergewaltiger geworden ist und bei Marnie »Abscheu und Wut« ins Uferlose gewachsen sind, nimmt das Drama seinen Lauf. Die Pause legt Wawrczeck an eben diesen Punkt. Denn wer bräuchte nun, nach gut einer Stunde Marnie-Manie, ernsthaft noch einen Cliffhanger, um zu fragen: Wird die Psychopathin gar zur Mörderin?

Wird sie nicht. Stattdessen kulminiert der Wahnsinn, very British, während einer Fuchsjagd. Marnie erkennt sich selbst in dem gehetzten Fuchs und gibt ihrem Pferd die Sporen. Der Gaul bricht sich beide Beine und wird erschossen, Mark landet im Krankenhaus - und Marnie steht schließlich wieder allein vor dem Firmensafe. Diesmal legt sie das Geld zurück. Als Margaret Elmer zur Mutter nach Plymouth zurückkehrt, ist die soeben gestorben. Ein Zeitungsartikel offenbart, dass sie eine Kindesmörderin war. Und so weiter und so fort. Wer Sein und Schein bisher unterscheiden konnte, kapituliert spätestens jetzt.

»Hätte auch eine abgeschlossene Geschichte sein können«, meint ein Zuhörer auf dem Heimweg. In Wahrheit sei Marnies Story wesentlich länger, betont Wawrczeck, ehe er noch ein Goodbye-Ständchen anstimmt: »Marnie, oh Marnie - so lost, yet so lovely…«

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